Mittwoch, 9. Mai 2012

Ich habe viele gekannt

"Es mag sein, dass man es ihnen nicht einmal beibringt, sie erben es einfach, schon wenn sie auf die Welt kommen, langweilen sie sich mit sich selbst, ich habe viele gekannt. Sie warten ihr halbes Leben lang, dann kommt nichts, oder was kommt, das erleben sie, als wäre es nichts, dann verbringen sie noch ein halbes Leben damit, ihre Erinnerungen an das zu hegen und zu pflegen, was ihnen so wenig vorkam oder nichts war. So waren unsere Großmütter, unsere Mütter sind noch so. Mit dieser Miriam gibt es keinen vernünftigen Gewinn, nur den, der jetzt schon da ist und in jedem Fall abnehmen wird, wozu es ändern: weniger hübsch, weniger Begehren, mehr Wiederholung. Diese Frau hat alle ihre Karten ausgespielt, schon von Anfang an blieb ihr keine gute mehr, sie kann nicht mehr geben als sie schon gibt. Man heiratet nur, wenn man irgendeine Überraschung erwartet oder Gewinn, irgendeine Verbesserung. Na ja, immer nicht." Sie schwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu: "Sie tut mir sehr Leid, diese Frau."
Javier Marias: Mein Herz so weiß

(Nachtrag 26.05: Buch "damals", 1996, zum ersten Mal gelesen. Nicht viel mehr in Erinnerung behalten als dass es mir gefallen hat, und dass der Erzähler an einer Stelle behauptet, eine Frau würde niemals nackt durch ein Zimmer laufen. Tatsächlich sagt er bloß: "...niemand bleibt mehr als ein paar Sekunden nackt mitten in einem Zimmer stehen...", nun ja. Die Einschübe, Ausführungen und Abschweifungen des Erzählers, die den Stil des Buches ja eigentlich ausmachen, kamen mir jetzt, beim zweiten Lesen, immer eitler vor, je mehr Spannung auf der Handlungsebene aufgebaut wurde, und ich habe die letzten Seiten bloß noch überflogen, um zu erfahren, wie das nun eigentlich genau war mit Ranz und seiner ersten Frau. Weiß es wieder, merke's mir, muss es kein drittes Mal lesen.)

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