Dienstag, 29. Mai 2012

Karamellbonbons

Der Versuch, mit M. über Body Acceptance zu sprechen, endet damit, dass sie sagt, dicke Menschen würden ja auch deswegen so viel essen, weil sie unglücklich seien; aber wir sollten lieber nicht weiter darüber reden, nicht am Telefon, ein andermal, wenn wir uns das nächste Mal sähen vielleicht. Und erst nachdem wir aufgelegt haben, wird mit klar, dass M. soeben über sich selbst gesprochen hat, weil sie selber unglücklich war, damals, als sie dick war. Ich konnte ihr die Traurigkeit ansehen, als sie mir einmal davon erzählt hat, wie sie immer nach der Schule noch beim Kiosk vorbei, Karamellbonbons kaufen, und bei den Kindergeburtstagen die Kuchenreste von den Tellern der Freundinnen. Ich sehe M. als pummeliges Mädchen, meine zu sehen, wie sie versucht hat, sich mit Süßigkeiten zu trösten, über all die Mängel in ihrem Leben hinweg, das Fehlen von Liebe, Zugehörigkeit, Akzeptanz, was weiß ich, so war es vielleicht, so geht die Erzählung. Als Studentin dann, fortgezogen und verliebt, hat M. abgenommen, schmal wie ein Junge seitdem, und auch das, denke ich später, hat wohl eine Bedeutung, deren Ausmaß mir bis jetzt nicht so recht klar geworden ist. Mit dem alten Körper das alte Leben zurücklassen, die alten Gefühle, mit jedem Kilo weniger sich stärker gefühlt, selbstbestimmter, auch eine Form der Selbstermächtigung, das wäre so die Theorie. Aber eben Jahre später noch beim Gedanken an Karamellbonbons beinahe Tränen in den Augen.

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