Dienstag, 1. Mai 2012

Oder auf Kinder verzichtet.

"In Deutschland verändert sich das Leben einer Frau durch das Mutterwerden vollkommen; nicht nur wird es wie das Leben des Vaters durch eine neue, andere Liebe und eine bisher nicht geahnte Abhängigkeit und Verwundbarkeit beschenkt und belastet, nicht nur erhält die Beziehung zu dem Mann, der jetzt auch Vater ihres Kindes ist, eine andere Facette. Es ändert sich so grundsätzlich, weil die Frau in dem Moment, wo sie Mutter wird, ihre Lebenswelt, ihre Tätigkeit, ihre Kollegen, ihren Tagesablauf, ihre finanzielle Autonomie, kurz fast alles, was der Rede wert ist, aufgibt und mit Haut und Haaren zur reinen Mutter wird. Oder auf Kinder verzichtet. Auf dass dies so bleibe, wird in Deutschland viel getan; es wird zum Beispiel viel unterlassen, was möglich wäre, weil es symbolisch inakzeptabel ist. Im Muttersein finden Frauen offenbar etwas, was für die Aufgabe des eigenen, vorherigen Lebens entschädigt. Das, was sie diese Kompensation annehmen und mögliche Alternativen sehenden Auges ausschlagen lässt, ist wiederum das Rätsel der deutschen Mutter."
Barbara Vinken: Die deutsche Mutter

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