Donnerstag, 14. Juni 2012

Alltag


Der kleine Schlecker in meiner Straße schließt zum Ende des Monats, in den Fenstern hängen Plakate: 30% auf alles. Fünf, sechs Kunden sind heute im Laden, als ich ihn betrete, so viele wie sonst nie. „Leichenfledderer“, erinnere ich mich, war die kritische Selbstbezeichnung eines anderen Schlecker-Kunden, neulich in einem Radiobericht. Und obwohl es sich anbieten würde, kaufe ich nichts außer Klopapier und Zahnpasta, zwei Dinge, die ich seit jeher bei diesem Schlecker gekauft habe. Der Laden ist zu traurig, immer schon gewesen, ich habe keine Lust auf Schnäppchenjagd. An der Kasse eine Frau, die ich nicht kenne, ich denke an die beiden Verkäuferinnen, die hier gearbeitet haben, wie die eine einmal mit dem Gesicht eines Kinds, das niemanden zum Spielen hat, hinter der Kasse saß und Preisschildchen auseinanderprickelte, wie die andere mir einmal, als ich unschlüssig vor dem Süßigkeitenregal stand, die Schokokugeln der Eigenmarke empfahl.

Das Spiel schauen wir am Abend in einem kleinen Gartenlokal am Ufer, am Nebentisch drei Frauen mittleren Alters. „Ich lass mir hier nicht andauernd den Mund verbieten, was soll denn das“, höre ich eine von ihnen später sagen, ihr gespielt ungläubiges, überlegenes Lachen, ich habe keine Ahnung, worauf sich diese Bemerkung bezieht, spüre keinerlei Spannungen von den Frauen ausgehen. Auch sonst eine nette Stimmung in dem Lokal, keine Fußballfans, eher Nachbarn, die es eben auch lustig finden, das Spiel zu schauen. Zwei Minuten vor Spielbeginn erscheint auf dem Bildschirm die Frage, ob sich der Fernseher in zwei Minuten auf Standby schalten soll; der junge Mann, der es schafft, diese Frage durch An- und Ausschalten des Geräts verschwinden zu lassen, erntet Szenenapplaus. Zwei Minuten vor Spielende schaltet sich der Fernseher dann aus, ohne vorher zu fragen, großes Gelächter, jetzt fällt aber auch kein Tor mehr. Manuel Neuers rotes, verschwitztes Gesicht: „Den hat das EM-Fieber gepackt“, sage ich zu H., er lacht.

Männer in Serviceberufen: Der Falafelverkäufer. Lächelt nie und verleiht seinem Amt damit eine besondere Würde. Erinnert mich an mein Vorhaben von Anfang des Jahres, selber auch nicht mehr so viel zu lächeln; nicht, um soziale Situationen irgendwie geschmeidiger zu gestalten. „Der Kinokartenverkäufer muss mich nicht sympathisch finden“, wie ich M. erläuterte; eine Weile lang habe ich das sehr gut durchgehalten, aber es ist doch eine Sache, die ich mir vornehmen muss, die Gewohnheit ist: Lächeln.

Dass ich momentan so wenig arbeite, genauer: so wenig tue, das ich als Arbeit anerkenne, macht mich nervös und führt dazu, dass ich um fünf Uhr nachts aufwache und solche Dinge in den Blog tippe. Kenne das, genauso wie die Anfälle von: Du musst Dein Leben ändern (i.e. Dir einen anderen Job suchen, nochmal was Neues studieren, überhaupt mal für längere Zeit ins Ausland gehen, oder Dir wenigstens ein Ehrenamt suchen), die mit dieser Unruhe normalerweise einhergehen. Jahrelang diese Gedanken furchtbar ernst genommen, unglücklich gewesen deswegen. Inzwischen zur Einsicht gelangt, dass ich diesen Mach-Dich-nützlich-Imperativ, das grundkapitalistische Tu-was(-damit-Du-Dir-mehr-kaufen-kannst) loswerden muss, sonst nix. Mach Dich unnütz. Schlaf noch ein bisschen.

1 Kommentar:

  1. Du schreibst nett :) Habe auch eine Abneigung dagegen entwickelt, immer zu lächeln. Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, etwas grundlos "geschmeidiger" von statten gehen lassen zu wollen. Schwer, das.

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