Freitag, 8. Juni 2012

Das Verbündetensuchgesicht


Ich habs heute morgen wieder gesehen, vom Fahrrad aus, als ich an der Bäckerei auf der Ohstraße vorbeigefahren bin. Früh wars, acht Uhr, ich war erst zehn Minuten vorher aufgewacht mit einem Schreck und der Gewissheit: Der Wecker hat nicht geklingelt.

Handywecker: Das Handy ist uralt, es schaltet sich immer mal wieder von selbst aus in der letzten Zeit, ganz aus, mausetot ist es dann. Hat also nicht geklingelt, das ist mir noch nie passiert, aber ich weiß es sofort, sehe es am Licht in meinem Zimmer, es ist schon zu hell. Um halb neun muss ich auf Arbeit sein.
Kaltstart. Kein Kaffee, kein Frühstück, nur duschen und dann raus.

Ich fahre also die Ohstraße entlang, und wie immer riecht es bereits ein paar Meter vor der Bäckerei nach frischen Backwaren, und zwar eher nach Kuchenböden als nach Brot, süß und, ja, verführerisch. Ich überlege, schnell abzusteigen, etwas zu kaufen, schaue hin zur Bäckerei, vor der ein Tisch steht mit vier Stühlen.
Einander gegenüber sitzen dort ein Mann, Gesicht zur Straße, und eine Frau, Gesicht zum Mann. Die Frau redet spanisch, laut, zu laut für diese Uhrzeit, selbst für Spanisch zu laut. Sie ist betrunken, ich höre es ihr an, obwohl ich nicht verstehe, was sie sagt, kann selbst nur ein paar Brocken spanisch. Halte doch nicht an, fahre vorbei.

Und während ich vorbeifahre, schaut der Mann mich an, für ein paar Sekunden nur. Mit einem Verbündetensuchgesicht. Einem Ausdruck, der sagt: Ja, die Frau, die mir gegenüber sitzt, ist betrunken, ich weiß es, du merkst es auch. Ja, sie redet zu laut. Ich bin mit ihr unterwegs, ja, aber ich bin nicht so betrunken. Ich bin der, der schaut. Ich bin eher so wie du, nicht wie sie. Siehst du das?

Der Mann lächelt mir zu, ein kleines Lächeln, ein wenig verlegen, wie es sich gehört zum Verbündetensuchgesicht, ich habe es schon so oft gesehen. Entschuldigend ist es manchmal, manchmal auch hässlich. Denn es ist immer ein Lächeln über die andere Person, über ihren Zustand, der auf irgendeine Art und Weise von der Norm abweicht, über die Peinlichkeit, die das mitunter darstellen kann.

Ach, das Verbündetensuchgesicht. Ich habs sicher selber schon gemacht, und jemand anderes hat es wegen mir gemacht. Ich schaue den Mann an, starr, lächle nicht zurück, verbünde mich nicht, bin schon vorbeigefahren. Dass der Wecker nicht geklingelt hat am Morgen, das spüre ich jetzt, am Abend noch, ein Tag, der viel zu hastig begonnen werden musste, heruntergeschlungen, verschluckt. 

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