Montag, 11. Juni 2012

Gelesen: Das Mädchen

von Angelika Klüssendorf.

"Der Geruch des Regens nach einem heißen Sommertag löst in ihr ein Gefühl von Freude und Traurigkeit zugleich aus. Sie stellt sich vor, wie es wäre, tot zu sein. Es ist ihr wichtig, dass jemand um sie trauert. Außer ihrer Freundin Elvira und ihrem Bruder fällt ihr niemand ein, der um sie trauern würde. Es gelingt ihr nicht, sich vorzustellen, dass sie sich einfach auflösen wird, denn sie ist überzeugt davon, dass alles, was auf dieser Welt geschieht, etwas mit ihr zu tun hat; die Luft, die sie atmet und die sie umgibt, ist nur da, weil es sie gibt, würde sie nicht atmen, gäbe es auch keine Luft. Früher hat sie jeden Abend vor dem Einschlafen gebetet, inzwischen aber ist ihr der Glaube an Gott so fern wie der Tod."

Da ist die Erzählstimme: Ruhig und ganz nah am Mädchen, immer an (und auf) ihrer Seite. Sie schildert ihre Gefühle und Gedanken, aber sie IST NICHT das Mädchen. Nein, es ist eine Draufsicht, ein Abstand zwischen Stimme und Mädchen, der dem Leser den Freiraum gibt, mitzugehen. Ganz anders, als wenn das Buch aus der Ich-Perspektive des Mädchens geschrieben wäre, oder auch nur mit einer Erzählstimme, die an irgendeiner Stelle schreien würde: Seht her, welch ein Elend!
So etwas passiert aber nicht. Dabei ist das Elend riesig bei dieser Kindheit und Jugend in der DDR mit prügelnder Mutter und Alkoholikervater. Den Gedanken, „dass alles normal wird, eines Tages“, findet das Mädchen „so unwirklich, als würde sie die Augen schließen und glauben, blind zu sein“, sie lebt den Umständen entsprechend.
Und die Erzählstimme weiß, so meint man, schon am Anfang, als das Mädchen Scheiße aus dem Fenster schmeißt, dass sie am Ende mit eingegipstem Arm auf einer Wiese liegen wird, davon träumend, mit den Wildenten forzufliegen; ein Bild, das mich sehr berührt hat.
Eine weitere Aufbruchsfantasie findet sich kurz vor Schluss, das Mädchen schwimmt im Meer: „Sie stellt sich vor, sie würde auf den Meeresgrund sinken, sich dort mit aller Kraft abstoßen, durch das Wasser schwungvoll nach oben schnellen, und dann würde sie wieder auftauchen, wie neu, als wäre ihr nie etwas passiert.“
Es sind solche Szenen, die zeigen, dass das Mädchen eine enorme innere Stärke hat. Früh stellt sie es selbst schon fest, im Vergleich zu ihrem Bruder, der sich mit seinen Ticks viel deutlicher als gequälte Kreatur zu erkennen gibt, als das Mädchen es sich selbst jemals erlauben würde: „Sie empfindet kein Mitleid für ihn, dafür ist sie zu sehr auf dem Sprung, und doch möchte sie nicht, dass ihr Bruder so ist, wie er ist. Er leistet niemandem Widerstand.“
Die Widerständigkeit des Mädchens, die genaue Wahrnehmung ihrer Gefühle, der gerade Blick auf die Dinge: all das bringt nicht nur das Mädchen durch ihre Jugend, es bringt auch den Leser durch diese knallharte Geschichte.


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