Sonntag, 15. Juli 2012

Im Museum: Diane Arbus

Ganz schwer zu fassen, was mir an den Fotografien von Diane Arbus so gegen den Strich geht. Dass es stets der „Blick-auf“ ist, der Blick auf die FKK-Camper, die Behinderten, die Transvestiten, die Tätowierten, auf all die Menschen, die Arbus selbst offensichtlich unter dem Begriff „Freaks“ subsumiert hat. Und natürlich ist jeder Blick ein Blick-auf; der Knackpunkt ist wohl der, dass der Blick sich in Arbus’ Bildern auf das dezidiert Andere, das Abnorme richtet. Die Dame, deren Frisur dem Pudel gleicht, der neben ihr sitzt; der Junge mit den stöckchendünnen Beinen, der eine Spielzeughandgranate in den Händen hält; die Frau mit dem Babyäffchen auf dem Schoß, sie alle kommen mir beim Betrachten seltsam vor. Und darin erschöpft es sich. Sie kommen mir natürlich auch seltsam vor, weil die Fotografien ganz deutlich einer anderen Zeit entstammen, man sieht es an den Interieurs, den Frisuren, den Kleidern; diesen Abstand kann ich nicht beheben. Aber den anderen Abstand, den zu den Portraitierten, eben auch nicht. Denn so, scheint es mir, sind die Fotos gemeint: Ich zeige euch jetzt mal was. „Ich glaube wirklich, dass es Dinge gibt, die niemand sähe, wenn ich sie nicht fotografieren würde“, hat Diane Arbus einmal gesagt, und dieser Satz ist mir unheimlicher als alle Fotos zusammen. Heißt das etwa, dass sich die Portraitierten nicht einmal selbst sehen können, nicht so, wie Diane Arbus sie sieht, und was ist das Spezifische an ihrer Sichtweise, was stellt sie fest? Die Abweichungen von der Norm? Und was kann ich als Betrachterin heute in diesen Fotos sehen: Mehr als die Abweichungen von der Norm? Der deutliche Schwerpunkt auf die „Freaks“ gibt den Blickwinkel vor: Ich sehe nur noch das Absonderliche. Es gibt keinen anderen Weg. Aber dieser Weg ist ausgetrampelt, und ich will ihn nicht gehen.

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