Donnerstag, 5. Juli 2012

Im Prinzip, aus Prinzip und ums Prinzip herum

Unangenehmes Telefonat mit der Hausverwaltung heute morgen, wegen der Mietminderung, die ich natürlich am besten doch nicht geltend machen soll, jetzt, wo ich so ein schönes neues Bad eingebaut bekommen habe. Irgendwann sage ich, es gehe mir aber ums Prinzip. Muss ein bisschen grinsen, denn wie blöd habe ich früher die Menschen gefunden, denen es bei irgendetwas ums Prinzip ging, verbohrte und verknöcherte Typen, alle. Und noch vor zwei Jahren wäre ich wahrscheinlich eingeknickt, hätte gesagt: OK, und danke nochmal für das schöne neue Bad; nur, um die Situation zu entspannen, um zu gefallen. Und hätte mich später darüber geärgert. Und zwar wegen des PRINZIPS.

Als ich endlich Feierabend habe, regnet es. Ich denke: Du wirst sowieso nass, also kannst du genausogut langsam fahren. An der Ecke Behren-/Charlottenstraße steht ein junger Mann unterm Vordach, ruft: Liebling!, und winkt, sehr adrett sieht er aus. Ich schaue, wem er wohl zuwinkt, habe die adrette junge Frau schon vor mir, er ruft noch einmal: Julius!, bemerkt meinen Blick, lacht mir zu, übermütig, verliebt. Ich sehe auch den anderen Mann, der irgendetwas zurückruft, aber dann ist grün, und ich fahre weiter.
Der Gendarmenmarkt ist wegen, wie ich eben erst recherchiert habe, „Classic Open Air“ abgesperrt, mit Bühne und Tribüne und Sichtschutz ringsum. Und davor, auf dem Gehweg, auf den Mauervorsprüngen, Treppeneingängen, auf mitgebrachten Stühlen sitzen lauter Leute, denen man ihr gutes Leben ansehen kann; Zaungäste sind sie und bestens ausgerüstet, mit Schirmen und Regencapes, einige haben Weinflaschen dabei, sogar Picknickkörbe sehe ich, sie lauschen auf Feuersteins Stimme. Das ist es also, was ich in zwanzig, dreißig Jahren mit meinen Freunden machen werde, wenn wir uns abends miteinander verabreden, denke ich, wie herrlich.
Kurz vor der Leipziger Straße fährt M. an mir vorbei, der früher unten bei mir im Haus gewohnt hat, und den ich sehr gemocht habe, seine Herzlichkeit und Theatralität, sein italienisches Englisch, jammerschade, dass er ausgezogen ist, auch solche Leute können einem fehlen, die das eigene Leben nur am Rande berühren, sehr sogar. Ich rufe seinen Namen, und er sieht mich, erkennt mich gleich, seine lieben Augen, wir wenden uns noch einmal nacheinander um, halten nicht an.
Auf der Oranienstraße denke ich dann, dass ich ewig so weiterfahren könnte, und belehre mich selbst, dass es nur deshalb so schön ist, weil ich eben weiß, dass ich bald schon daheim bin. Das Handy klingelt, ich gehe nicht dran, rufe H. erst von zu Hause aus zurück. Er hatte mir während der Badbauarbeiten Asyl gewährt, sagt, dass er es fast ein bisschen traurig fände, dass ich wieder ausgezogen sei; geht mir genauso. Die große, kühle, stille, immer noch sehr leere Wohnung mit 11 Freunde neben dem Klo und Schokolade im Schrank, ein guter Ort, nicht nur im sogenannten Mietminderungszeitraum.

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