Sonntag, 5. August 2012

Älterwerden – ein paar unsortierte Gedanken

R. hat mir oft gesagt, wie schlimm es sei, 30 zu werden. Alles würde sich dann ändern. Und weil ich diese Rede ermüdend fand, habe ich dazu immer nur geschwiegen. R. ist sieben Jahre älter als ich, und dass sie Älterwerden deswegen als so schlimm empfinde, weil sie lange Zeit Anerkennung ganz einfach dafür bekommen habe, in vielen Zusammenhängen die Jüngste gewesen zu sein, und gut auszusehen, hat sie mir irgendwann auch noch gesagt.

Ich denke an K.s Nichte, ein ungemein liebreizendes, aufgewecktes, hübsches Kind, voriges Jahr ist sie eingeschult worden. (Und vor zwei Jahren saß sie auf der Hochzeit von R. und B. neben mir und wollte wissen, wieviel ich verdiene. Ihr ungläubiger Blick, als ich „Zilliarden Euro“ sagte. Ihr noch ungläubigerer Blick, als sie mich fragte, ob sie noch ein paar Kirschen essen dürfe, und ich sagte: „Du darfst soviele Kirschen essen, wie du willst.“ Wie selten man diese Erlaubnis wohl bekommt als Kind: soviel Du willst, sooft Du willst, solange Du willst. Und wie selten man sie sich als Erwachsener selber gibt.)
K.s Nichte also, der die Tatsache, dass Erwachsene sie als ungemein liebreizend, aufgeweckt und hübsch wahrnehmen, natürlich nicht verborgen geblieben ist. Und die deswegen klarerweise vor jedem sich bietenden Spiegel erstmal eine Pirouette drehen muss. Wofür sie von Opa, Vater und Onkel wiederum kritische Blicke erntet. Sei hübsch, aber sei nicht eitel. Weiter gedacht: Uns darfst Du, sollst Du gefallen, Dir selbst aber nicht – jedenfalls nicht so. 
Mein liebes Kind, Du lernst es früh.

Und meine Erleichterung, als ich vor Jahren einmal in einer Buchrezension über diesen Absatz stolperte: „Als Frau kann man sein wahres Alter daran bemessen, ob man sich noch darum sorgt, gegen welche Avancen (...) man sich heute wieder zur Wehr setzen muss. Wahrscheinlich muss man die ständige Anmache erlebt haben, um den Genuss zu ermessen und das wunderbare Gefühl der Erleichterung, die mit dem Umstand einhergehen, älter und endlich in Ruhe gelassen zu werden. Und um die Wut zu ermessen, die einen früher begleitete.“
Dass der Krieg der Blicke also kein Problem meiner individuellen Wahrnehmung ist, sondern dass es vielen Frauen so geht. Und dass es irgendwann aufhört. Die Entspanntheit der Frauen ab 40, die mir im Job häufig begegnen, und bei denen ich den Eindruck habe: Die haut nix mehr um. (Und wie eine kanadische Bekannte mir einmal erzählte, sie hätte diese Frauen mit ihren praktischen Kurzhaarfrisuren, ihrer Beleibtheit, den Jeansblusen, der patent-zupackenden Art anfangs noch für lesbisch gehalten, bis ihr klar geworden sei, dass sie eigentlich ganz typisch seien für einen bestimmten Schlag Mensch, hierzulande.)

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