Donnerstag, 23. August 2012

„Ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen.“


Diesen Satz habe ich gestern gesagt. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Dabei hätte es bereits einige Gelegenheiten dafür gegeben; die früheste, an die ich mich erinnern kann, liegt so viele Jahre zurück, dass ich nicht einmal mehr die Namen der Beteiligten weiß: Ein Bekannter also stand zwischen einer Bekannten und mir, wir waren gemeinsam in der Stadt unterwegs, es wurde Straßenmusik gespielt, und er legte die Arme um uns, rechts links, und summte und schunkelte im Takt. 
Ekelhaft, darüber waren meine Bekannte und ich uns nachher einig. In der Situation gesagt allerdings haben wir: nichts.
Und zuletzt wäre der Satz vor ein paar Wochen angebracht gewesen, als der Yogalehrer mir bei der Endentspannung über die Arme und Beine strich, meinen Hinterkopf in seinen Händen wog. Angenehm war mir das nicht. Gesagt allerdings habe ich: wieder nichts.

Gestern aber. In der Bar, zu dem Typen, der sich zu uns gesetzt hatte, er wirkte ein wenig verwirrt, erzählte mir, er wohne um die Ecke, nannte mir den Straßennamen, er sei zum ersten Mal in dieser Bar, legte die Hand auf meine Schulter, und dann ich.
Ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen.
Freundlich gesagt. Und er: Ja, schön, er wolle nur sagen, schön, eine schöne Frau sei ich, und einen schönen Abend wünsche er.
Danke.
Ich war so aufgeregt, dass ich erstmal aufstehen und rausgehen musste, E. kam mir nach, schlug einen Sitzplatzwechsel vor, ich saß dann hinterher neben J., der sagte, das wäre aber keine Männer-Frauen-Sache gewesen, der Typ hätte ihm auch die Hand auf die Schulter gelegt, und ich: OK, aber ich wollte eben nicht angefasst werden.
Interessiert mich nicht, was das für eine Sache war, hätte ich sagen sollen statt: OK.
Oh, es ist doch eine Männer-Frauen-Sache, sagte J. später noch, der Typ war längst aufgestanden vom Tisch, wandelte im Raum herum und warf mir hin und wieder intensive Blicke zu, die ich versuchte zu ignorieren.
Und dann, im Gespräch, legte J. die Hand auf meine Schulter, wie man das manchmal so macht, wenn man einander zugewandt ist und sich etwas erzählt, vertraulich, und ich merkte, dass er plötzlich stockte.
Du darfst das, sagte ich schnell. Wir kennen uns.
Ja nur, das war genau die Geste von eben, sagte er.

Furchtbar komplex, dieses ganze Wer-berührt-wen-wie-und-warum, denke ich jetzt. Mir fallen die Freundschaftsrudelbegrüßungsumarmungen ein, die ich nicht mag, und wie K. mir gestern auf den Hintern gehauen hat, weil ich vorhatte, ein Bier selber zu bezahlen statt es auf ihren Deckel schreiben zu lassen, was mir sehr gut gefallen hat. Wie awkward es manchmal sein kann, einer anderen Person auch nur die Hand zu geben. Die Instant-Intimität von gelungenen Ein-Nacht-Ständchen.
Und dass eine Geste nie genau die Geste von eben ist. 

1 Kommentar:

  1. Ich hatte neulich mit Freunden ein Gespräch, weil es mir zunehmend schwer fällt, zu sehen, wenn andere mein Kind berühren. Die Meinungen dazu waren geteilt. Ein Vater meinte, er findet es auch unmöglich, wenn Großtante XY zur Begrüßung sein Kind an ihren Busen zieht. Das sei übergriffig. Eine Freundin meinte daraufhin, dass das doch eher eine Geste des 'Du gehörst zu unserer Familie' sei. Schwieriges Thema. Oder doch nicht? Ich selbst versuche das mit dem Nein-Sagen so gut es geht. Manchmal ist es aber schwierig, weil ich auch niemanden verletzen will. Ich denke jetzt zum Beispiel an den besten Freund einer Freundin, der sehr überschwänglich ist und einem zur Begrüßung gleich um den Hals fällt. Das entspricht meinem Gefühl für ihn nicht, aber gesagt hab ich auch noch nie was ...

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