Dienstag, 7. August 2012

Lass sehen, sag ich


Schon seltsam, dass mir derzeit so vieles in den Sinn kommt, Texte, Songs, aber auch Begegnungen mit Menschen, die mir vor vierfünf Jahren wichtig waren. Oder vielleicht auch nur Ausdruck der Tatsache, dass mein jetziges Leben auf eine Art sehr dem von vor vierfünf Jahren ähnelt, und ich so quasi wieder anschließe. Heute also ein Gedicht von Dieter Wellershoff, veröffentlicht 2008 in dem Band Zwischenreich, geschrieben allerdings schon 1971, da war Wellershoff 46 Jahre alt. Alle Gedichte in diesem Büchlein sind in den 70er, 80er Jahren entstanden; einer Zeit, in der das Leben des Autors, wenn man von den Gedichten auf seine Person schließt (was eigentlich unzulässig ist, aber in einem Interview, das ich damals hörte, gab Wellershoff selbst die Erlaubnis zu dieser Art der Rezeption), von einem großen existenziellen Zittern geprägt war. Kein Titel.

Die neuen Erkenntnisse bleiben undeutlich
und vielleicht sind es keine.
                                     Aber
das Zimmer ist wieder das Zimmer
und jeder weiß was das ist
Wände Bilder Vorhangfalten
besonders nachts
rechnet jeder mit der Wirklichkeit.

Und ich gehe ein wenig hin und her
in der Wirklichkeit oder
was dasselbe ist zwischen den
Einflüsterungen der Gegenstände:
Nenn mich Stuhl nenn mich Tisch.

Und ich nenne sie Stuhl und Tisch.

Besonders nachts
gehe ich ein wenig hin und her
in Häusern mit Zimmern
vollgestellt mit kleinen
Häusern mit Zimmern voller
Häuser mit Zimmern
wo ein verzweifelter Puzzle-Spieler
versucht sich ein Bild zu machen.

Laß sehen sag ich.

Aber das Zimmer ist
wieder das Zimmer
Wände Bilder Vorhangfalten
jeder weiß was das ist.
Besonders nachts gehe ich
ein wenig hin und her.

Was ich an dem Gedicht so mag: Die sanfte Unruhe. Kein Getriebensein, eher Schlaflosigkeit, und doch ein wenig mehr als das. Und diese Unsicherheit von Anfang an. Der Versuch, sich an dem festzuhalten, was man gemeinhin Wirklichkeit nennt, an dem, was jeder weiß: und wie dieser Versuch misslingt. Und das Häuser-mit-Zimmern-Bild rührt mich zu Tode: Dass, wenn man sehr genau hinschaut, eben nicht alles einfacher wird, sondern bloß kleinteiliger, immer noch eine Welt in der Welt in der Welt, ineinandergesteckt, verschachtelt. Auch den verzweifelten Puzzle-Spieler mag ich in all seiner Deutlichkeit. Und dieser Moment, in dem man versucht, sich selbst über die Schulter zu schauen, und in dem einem alles abhanden kommt; manchmal sogar das Verständnis dafür, womit man sich eigentlich gerade abmüht, und weshalb. Nur die Unruhe bleibt.

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