Donnerstag, 16. August 2012

Nicht schlimmer als immer

„Hier ein guter Tipp für Ihre nächste Party: Laden Sie doch einfach mal nicht Ihre Freunde und Freundinnen ein und auch nicht die eigene Familie – gehen Sie in die Parks und an den Bahnhof und laden die ein, die da immer rumhängen, die Obdachlosen und die Armen. Was glauben Sie, was das für ein tolles Fest wird!“
Ach, ihr Christenmenschen mit euren peppigen Ideen. Lasst mich raten: Jesus? Na klar, Jesus hat das so gemacht. Der Wecker hat eben erst geklingelt, und auf Deutschlandfunk läuft die Morgenandacht. Gerade habe ich noch von A.s Eltern geträumt, die ich am Meer antreffen und die viel beherzter ins eiskalte Wasser springen würden als ich. Und früher in der Nacht habe ich geträumt, ich würde mit C. knutschen, was ich in Wirklichkeit noch nie getan habe. Aber schön, wenn mal was so völlig unkryptisch daherkommt.
Denn C. hat mir gestern erzählt, er sei inzwischen zweifacher Vater. Wie lange haben wir uns nicht gesehen, sechs Jahre? Und das Gespräch geht sehr langsam in Gang, C. ist zurückhaltend, zurückhaltender noch als ich. Der Part, den ich, und das wird mir in diesem Moment erst klar, meistens meinen Gesprächspartnern überlasse, bleibt also an mir hängen: Zunächst mal selber ein bisschen quatschen, dumm und ausführlich über dies und das. Dass es mich wundert, dass Wowi wegen dieser ganzen Flughafengeschichte noch nicht längst seinen Hut nehmen musste; dass ich mich freue, dass Brillen neuerdings wieder schmalere Seitenteile haben, undsoweiter.
Irgendwann sagt C. also, sein Leben sei ein wenig turbulent gewesen in der letzten Zeit. Organisationstechnisch oder, ich frage vorsichtig: Psychisch? Neinnein, psychisch alles wie immer, jedenfalls nicht schlimmer als immer, zum Glück. Eher das auf-die-Reihe-kriegen, denn: Kinder.
Ach.
C. lächelt, nicht breit, mehr für sich; weiß wahrscheinlich, dass mich das überrascht, sieht aus wie einer, den das selber manchmal noch überrascht. Ein Junge, ein Mädchen? Ja genau. Drei und ein halbes Jahr alt. Und war das, ich meine: geplant oder eher so passiert?, frage ich, immer brennend daran interessiert, wie Menschen zu der Entscheidung gelangen, Kinder zu kriegen. Na, mein Plan war es nicht. Aha, also eine Verschwörung gegen dich?, ich lache ihn an. Gewehrt habe ich mich aber auch nicht, fügt er hinzu.
Aber toll, oder?, toll!, verkünde ich.
Schon. Dass er jedenfalls viel Zeit auf dem Spielplatz verbracht habe, sagt C. noch. Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und sechs Sätze hat er in etwa gebraucht, um auf das zu sprechen zu kommen, was sein Leben derzeit ausmacht. Viel Zeit auf dem Spielplatz. Und ich mit meinem Gequatsche von Wowi und Brillengestellen. 
Und dann kommt eine andere Frau hinzu, und dummerweise verstehe ich die Sprache kaum, in die sie und C. jetzt wechseln, und nehme mein leeres Weinglas als Vorwand, um zu verschwinden.

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