Sonntag, 30. September 2012

Dass er getan hat, was er tun musste


In dem Roman, den ich gerade lese, erzählt ein Mann einem anderen Mann eine Geschichte, die er selbst erlebt hat: Mann und Frau begegnen sich in einer Bar. „Vivienne hieß sie. Schöner Name für eine attraktive Frau.“ Ich muss an Pretty Woman denken, wegen des Namens, vielleicht ist der Satz sogar ein Zitat und Vivienne eine Professionelle? Nein. Anders als andere Frauen lacht sie über die Witze des Erzählers, nimmt ihn mit zu sich, „sie hat mir Chopin vorgespielt, nackt am Klavier.“ 
Doch dann kommt der Ehemann nach Hause, da liegen die beiden schon miteinander im Bett. Vivienne schiebt den Erzähler auf den Balkon, wo der Ehemann ihn trotzdem sieht, ein Boxertyp („Keine Ahnung, wie eine Frau wie Vivienne einen solchen Kerl heiraten konnte“), der die Frau sogleich verprügelt; der Erzähler darf zugucken und sich gemeint fühlen: „Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich mir eine Lektion erteilt.“
Und was macht er? Nichts. Wartet, bis der Ehemann ihm die Balkontür öffnet, erkundigt sich, ob er die Polizei rufen soll, zieht sich an und geht. „Ich hätte ihn verprügeln sollen“, sagt er in der Rückschau. „Oder mich verprügeln lassen, worauf es wahrscheinlich hinausgelaufen wäre. Ob ich mich dann besser gefühlt hätte, weiß ich nicht. Es wäre einfach richtig gewesen.“
Zweifellos genauso richtig, denke ich, wie dieses Erzählprinzip, bei dem mal wieder eine Frau zum Opfer gemacht werden muss, damit dem Mann sein „nacktes kleines Ich“ in vollem Ausmaß bewusst wird. Und bezeichnend auch, dass es bei dieser Reflexion vorallem um die Frage geht, was der Mann hätte tun können, um sich selbst besser zu fühlen. 

Die Hauptfigur des Romans, ein 60jähriger Philosophieprofessor, hat die Geschichte mit Vivienne nicht selbst erlebt; hört sie nur von einem Freund. Einige Tage später wird seine 20jährige Tochter auf einem Rastplatz von einem dämlichen Ehepaar angepöbelt, sie pöbelt zurück, der Mann beleidigt sie.
Und wie reagiert der Herr Professor? „Das Herz klopft ihm bis in die Kehle, und gleichzeitig durchströmt ihn eine andere, namenlose und beinahe angenehme Empfindung. Der Kerl hat ‚Flittchen’ gesagt. Zu Philippa.“ Da kickt man dann schonmal gerne einen Campingtisch um und lässt sich auf eine Prügelei ein, auf „den längst vergessenen Rausch aus tierhafter Wut und Angst.“
„Nicht!“, ruft das Töchterchen von der Seite, kennt man auch: Die unbeachtet bleibende, spitze Schreie der Vernunft ausstoßende, gelegentlich auch hysterisch werdende Frau, die stets bloß danebensteht, während Männer sich schlagen. Tatsächlich gelingt es dem Professor, seinen Gegner niederzustrecken. 
„Was er wirklich fühlt“, darüber wird er sich anschließend klar, „ist weder Triumph noch Beschämung, sondern etwas von der Art, was man heute nicht mehr gut sagen kann. Dass er getan hat, was er tun musste. Wenn jemand deine Tochter ein Flittchen nennt, musst du kräftig hinlangen, um ihretwillen und damit das Wort dich nicht jahrelang verfolgt.
Gut zu wissen. Was die Tochter tun muss, wenn jemand sie Flittchen nennt, wird selbstverständlich nicht erörtert. Ihre Rolle erschöpft sich darin, sich „wie ein geschocktes Unfallopfer“ zum Auto führen zu lassen. Ihre Ehre hat der Vater gerettet, er selber hat Satisfaktion erlangt, zurück geht’s auf die Autobahn, ich blättere weiter. 

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen