Montag, 24. September 2012

Notizen


„Stellen Sie sich vor, Sie erleben zum ersten Mal Paris, sind dabei von einer unglücklichen Liebesaffaire gequält, haben außerdem gerade eine Schachtel Gauloises weggeraucht und drei Espressi getrunken – so ist es, ein Baby zu sein.“ Alison Gopnik im Interview mit dem Zeit-Magazin. Mit Baby meint sie hier übrigens: Dreijährige. Um diesen Bewusstseins-zustand nachzuvollziehen, fehlt mir momentan eigentlich nur Paris.

Verabredung per Mail zum Kino mit zwei Freunden: Das dauert, bis alle sich auf einen Tag geeinigt haben, auf eine Uhrzeit. Wollen wir das erstmal vormerken, und dann bestätigen? Etwas durchgenudelt die Frage, wie man sich wohl verabredet hat, damals, als es noch kein Internet und nur Festnetztelefon gegeben hat. Erfolgloses Googlen nach dem schönen, melancholischen Text, den Peter Glaser mal darüber geschrieben hat, wenn ich mich recht entsinne: ein Erzähler, der durch die Nacht läuft, ein paar Kneipen anpeilt, in denen sich sonst manchmal Freunde versammeln, diesmal trifft er niemanden an, geht wieder nach Hause.

Dieses BRD-Gefühl, das mich aus dem neuen Roman von Stephan Thome anweht, den ich gerade lese, und das ich auch hatte bei den Erzählungen von Dieter Wellershoff; es mag an der Arriviertheit der Figuren liegen, an der Art, wie sie sprechen: „Das Innere ist noch nicht fertig“, sagt Bernhard. „Ich richte mich nach und nach ein. Géraldine kennt einen guten Restaurateur für alte Möbel.“
Im wahren Leben manifestiert sich dieses Gefühl im Anblick von schirmchenverzierten, sahnebehäubten Eisbechern (wichtig: Schälchen nicht aus Pappe oder Plastik, sondern aus Glas), die von wohlhabend aussehenden Rentnern, ggf. mit Enkeln, in Fußgängerzoneneisdielen sitzend verspeist werden. Zuletzt gesehen in Tegel. Ein bestimmtes Verständnis von Es-sich-gut-gehen-lassen, das ich mit Westdeutschland, meiner Kindheit, den achtziger Jahren assoziiere.

Einen Blogeintrag über Aufklärung geschrieben, inspiriert von diesem hier auf ihdl. Am Ende doch zu intim, um ihn online zu stellen. Schnipsel: Erinnerung an den Biolehrer am Gymnasium, von dem es hieß, er sei früher mal Offizier bei der Bundeswehr gewesen. Sein Ton knüpft daran an. Sex sei in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, stellt er gleich klar. Darüber redet man nicht!, offensichtlich will er daran festhalten. Verteilt einen Zettel, auf dem der Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau geschildert wird, gipfelnd im gemeinsamen Höhepunkt. Wir lesen ihn still durch. Noch Fragen? Nein. 

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