Montag, 10. September 2012

Wie Sesemi Weichbrodt immer sagte

Wenn ich nun doch einmal etwas über meine Generation sagen wollte, dann wäre es, dass wir alle Wunschkinder waren. Und dass wir glücklich werden sollten. So friedlich war es auf der Welt, als wir geboren wurden, so sicher die Verhältnisse, so rosig die Zukunft und so tiefschürfend der Zeitgeist, dass unsere Eltern das als wichtigstes Erziehungsziel festlegen konnten.
Heute hoffen sie eher, dass wir einen Job bekommen, und wenn wir einen haben: einen unbefristeten, besser bezahlten. „Wir haben einfach studiert, was uns interessiert, und Arbeit zu finden war überhaupt nie ein Problem!“, sagte eine Freundin meiner Mutter einmal zu mir, Empörung in ihrer Stimme ob der heutigen Situation. „Ihr habt es so schwer!“, das habe ich schon oft gehört, auch von meinen Eltern.
Schwer hin oder her, habe ich irgendwann gesagt, so sei es halt, ich würde es nicht anders kennen. Und  merke immer mal wieder an der Art, wie die Eltern auf mein Leben gucken, dass sie, die es anders kennen, nicht ganz begreifen können, warum ich mein Leben so lebe, wie. Und glücklich werden? Wie haben sie sich das eigentlich vorgestellt, ich habe sie nie danach gefragt.
Mich von Anfang an als eigene Persönlichkeit zu sehen, das war der Ansatz meiner Eltern, und als ich neulich irgendwo auf das Wort Individualisierungszwang stieß, musste ich wieder daran denken. Sei du selbst, los jetzt, und bitte schon als Baby ganz eigen und besonders, und dann sei glöcklich, du gutes Kend. Dass wir es einmal schlechter haben würden als sie, damit haben unsere Eltern nicht gerechnet.
Aber ich will lieber nichts über meine Generation sagen, vertrete doch den Standpunkt, dass es sie nicht gibt. Es gibt nur Menschen in meinem Alter, und mit ein paar von ihnen unterhalte ich mich manchmal über solche Sachen. Und dann gibt es die ein oder andere Parallele. Enttäuschung, vorallem. Die der Eltern, weil unser Leben nicht so ist, wie sie es sich gewünscht hatten – aber dafür können wir nichts, das sind die Umstände. 
Und unsere eigene Enttäuschung, die viel schwerer fassbar ist. Ein schales Gefühl, unter den Möglichkeiten geblieben zu sein, denn mit so wenig konkreten Inhalten das Glücklich-werden auch immer hinterlegt war, eins wissen wir genau: „Glücklich bin ich nicht.“ So sagte es T. gestern zu mir, trotzig fast, als wäre das die verspätete Rebellion, unser Aufstand, unser Protest gegen die Werte der vorigen Generation. „Wenigstens das ist sicher“, fügte er hinzu, „in unseren unsicheren Zeiten.“ 

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