Dienstag, 16. Oktober 2012

Eben noch betrunken getanzt


, jetzt schon wieder auf dem Fahrrad. Gegangen, ohne tschüss zu sagen, wie ich das manchmal mache bei größeren Runden oder Partys, wenn mir allein schon der Gedanke ans „Oh du gehst schon!?“ zuviel ist. Dezent meine Tasche genommen, so getan, als wollte ich nur kurz auf dem Flur auf mein Handy gucken, im Vorbeigehen Richtung Haustür noch die Jacke mitgenommen, und raus. Erinnerung daran, wie ich vorhin reingekommen bin, noch mit Jacke an erstmal ans Buffet und mir ein Glas Wein eingeschenkt, die abfälligen Blicke der zwei Frauen neben mir: Guck mal, wie die sich hier bedient, ist die überhaupt eingeladen oder hat die nur durchs Fenster gesehen, dass. Man weiß ja nie. „Also kennst du hier eigentlich auch niemanden?“, fragt eine andere Frau mich später, nein, nur die Gastgeberin und ihren Freund, und selbst die beiden sehe ich wenns hochkommt einmal im Jahr. Wir plaudern ein bisschen, die andere Frau und ich, finden auch Themen, das Gespräch bleibt im Fluss, und trotzdem löst sich dabei das Gefühl nicht auf, dass wir eben nur miteinander plaudern, weil wir hier sonst niemanden kennen, und dass uns beiden dabei ein bisschen langweilig ist. Irgendwann erzählt sie mir von einem befreundeten Künstlerpaar, sehr erfolgreich, die hätten gerade ein Kind bekommen und würden sich aber gar nicht darum kümmern, immer weiter ihre Projekte und Ausstellungen vorantreiben und das Kind quasi abschieben, die hätten wohl nicht begriffen, dass mindestens im ersten Jahr einer komplett aussetzen müsse, um das Kind zu versorgen. Ich sage aha und hm-hm, die andere Frau ist selber Künstlerin, hat aber die letzten zweieinhalb Jahre ausgesetzt, um eben ihr Kind zu versorgen und ihren Mann beim Sprung in die Selbständigkeit zu unterstützen; die Verurteilung eines anderen Lebensstils geht mit der Verteidigung des eigenen oft Hand in Hand, scheint mir. „Wollen wir mal gucken, ob schon getanzt wird?“, frage ich schließlich, und ja, die Gastgeberin tanzt, ich geselle mich, drei Gläser Wein inzwischen intus, dazu, die andere Frau auch und zwei Männer, die seltsamerweise ihre Jacken anhaben, als wollten sie gerade raus oder wären gerade erst reingekommen; jedenfalls hatten sie sicher etwas anderes vor als mit uns hier zu tanzen, so möchten sie aussehen. Aber lustig ist es dann doch. Und stinkt wie in einem Raubtierkäfig, merke ich, als ich vom Weinholen zurückkomme. Es reicht mir, merke ich kurz darauf. Der Weg nach Hause durch Friedrichshain, die Illusion, immer geradeaus zu fahren, dabei beschreibt der Weg einen langen Bogen, Viertelkreis fast, die Route der M10, die nebenherbimmelt. Und auf dem letzten Drittel des Wegs eine bisher nie gehabte Gefühlsqualität: Familienvater, möchte ich sagen; als würde ich vorne im Auto sitzen, meine Kinder auf der Rückbank, auf dem Heimweg vom Schwimmen. Dass ihm da manchmal fast die Augen zugefallen seien, hat mein Vater mir einmal erzählt, so müde sei er gewesen, und so müde bin ich plötzlich, unendlich müde, ich kenne den Weg, er ist nicht kompliziert, er ist nur lang, und ich kann ihn nicht abkürzen, Gefühlsqualität Familienvater also: die Länge des Wegs aushalten, in aller Demut. Zuhause schalte ich den Fernseher ein für Domian, auf dem Bildschirm blitzelt es an den Rändern, ein dunkles Blau erscheint, das sich langsam herabsenkt zu mattem Schwarz; der hat den Geist aufgegeben, nach zwölf Jahren, zwei Monate vor dem Ende der GEZ-Mann-Ära verabschiedet sich mein Fernseher. Ich werde mir keinen neuen kaufen. 

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