Samstag, 20. Oktober 2012

Gelesen: Bodies – Schlachtfelder der Schönheit


von Susie Orbach.
Zunächst mal, lieber Arche-Verlag: Titten auf dem Cover sind keine gute Idee. Nein, auch dann nicht, wenn die Brustwarzen mit Pflastern abgeklebt sind. Anekdötchen: Susie Orbachs erstes Buch, „Fat is a Feminist Issue“ (1978), kam in Deutschland unter dem Titel „Das Anti-Diät-Buch“ auf den Markt. Ahahaha. Und dass Orbach „Lady Di wegen deren Bulimie behandelte“, steht im Klappentext von „Bodies“ (2009) gleich im ersten Satz. Ich bin über AnyBody Deutschland, eine Organisation, die zum Endangered Body Netzwerk gehört, das wiederum von Susie Orbach mitbegründet wurde, auf das Buch aufmerksam geworden.

Dass Orbach Psychoanalytikerin ist, merkt man beim Lesen schnell. Ich selber pflege ja eine kleine, bislang unanalysiert gebliebene Abneigung gegen Psychogedöns und werde zB ganz kribbelig, wenn ich lese, wie Orbach nach einer Therapiesitzung mit einer bestimmten Patientin ein heftiges Brennen auf der gesamten Haut spürte – um in der nächsten Sitzung zu erfahren, dass der Bruder ebendieser Patientin als Kind auf einen heißen Herd gefallen und an seinen Verbrennungen verstorben ist – was vor der Geburt der Patientin geschah, was aber trotzdem Teil ihrer Körpergeschichte geworden ist, und was Orbach nun in einer „Körper-Gegenübertragung“, so der Fachbegriff, wahrgenommen hat. Hrm, hrm, kann ja sein. Und meine Kribbeligkeit ist denn wahrscheinlich auch eine Körper-Gegenübertragung von wem oder was jetzt genau? Sprechen wir beim nächsten Mal darüber.
Der grundlegende Gedanke war für mich nämlich wirklich erhellend: „Jeder Körper wird durch die Körpergeschichte der Familie geprägt.“ Eigentlich ja banal: Natürlich spürt jedes Baby, wie mit ihm umgegangen wird, zaghaft, ruppig, liebevoll. Darin drückt sich die Körperlichkeit der nächsten Bezugspersonen aus, die somit die Körperlichkeit des Kindes prägen, das, in einer fernen Zukunft, die Körperlichkeit der eigenen Kinder prägen wird usw. usf. über die Generationen hinweg. Dass also in meinen Körper von klein auf etwas eingeschrieben wurde, das nicht im Sinne der autonomen Entscheidung „meins“ ist, sondern von meinen Eltern und deren Eltern, ihren Empfindungen und Erfahrungen kommt, ist für mich ein neuer Blickwinkel. „Man braucht nur einmal Geschwister mit gleichen familiären Gesichtsmerkmalen zu betrachten, um zu erkennen, wie ihnen die jeweilige emotionale Geschichte ins Gesicht geschrieben steht.“ – oh ja. Und liegt es vielleicht auch daran, dass uns die Menschen auf den Fotos von früher so fremd erscheinen – dass es nicht nur ihre Frisuren sind, ihre Kleider, die Interieurs, sondern auch und vorallem der Ausdruck auf ihren Gesichtern, der ein anderer ist, von anderen Zeiten, anderen Sitten erzählt?

Um mal eine von Orbachs Hauptthesen in eigenen Worten und verallgemeinernd zusammenzufassen: Die Tatsache, dass wir täglich mit Bildern von Idealkörpern konfrontiert werden (die dank Photoshop nichts mehr mit wirklichen Körpern zu tun haben müssen), vergiftet unser Verhältnis zu unserem eigenen Körper – zumal uns ständig eingeredet wird, wir seien, gerade was unser Aussehen betrifft, unseres eigenen Glückes Schmied. „Fast jede/r redet in irgendeiner Form – ob nun auf der ästhetischen, gesundheitlichen oder moralischen Ebene – davon, das Beste aus dem eigenen Körper zu machen, was die Besorgnis verrät, dass dieser Körper, so wie er ist, nicht gut genug ist.“ Oder, wie ein Trainer im Fitnessstudio mir einmal sagte: Wenn du ein dickes Auto hast, dann sage ich okay, du hast Geld, aber wenn du einen guten Körper hast, dann sage ich Respekt, dafür hast du selbst gearbeitet. Illustriert ganz gut, was Orbach meint, wenn sie vom Körper als „Dauerbaustelle, ein Objekt permanenter Verbesserung“ spricht.
Das Versprechen, so-und-so aussehen zu können, wenn man nur das-und-das macht, kennen wahrscheinlich viele, und ich selber muss diese Gedanken immer wieder aus meinem Kopf verbannen. Mir klar machen, welche Industrie dahinter steckt (zB die, die mit Haarfärbemitteln, Cellulite- und Antifaltencremes Geld macht), und dass von deren Seite keinerlei Interesse daran besteht, das Bedürfnis nach dem guten Körper zu befriedigen, weil: Kapitalismus, und dass vorallem Frauen angehalten werden, sich am besten mit nichts als dem Streben nach dem guten Körper zu beschäftigen, weil: Patriarchat.
(Wo wir schon bei den Frauen sind, das hier hab ich mir auch notiert: „Ein Körper, der einst wegen seiner glatten Makellosigkeit und Sexyness bewundert wurde, wird jetzt wegen der natürlichen Folgen des Sexualakts verdammt“, bemerkt Orbach am Beispiel von Britney Spears und der allgemeinen Häme ob ihres Postschwangerschaftskörpers, mit dem sie es wagte eine Bühne zu betreten. Sehe ich genauso: Das Bild der sexy Frau ist makellos auch im Sinne von unverbraucht. Das Bild der schwangeren Frau ist eine ganz andere Liga – nichtmal dasselbe Spiel. Folgt das Bild der Mutter: niemals sexy. Oder das Bild der Frau, der man gar nicht ansieht, dass sie Kinder hat!!!, Riesenkompliment, gehe zurück auf makellos und unverbraucht.)

Kurz nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, bin ich über dieses Video hier gestolpert. „Karen Walrond kennt dich nicht, aber sie ist komplett überzeugt davon, dass du schön bist.“ Ich muss gestehen, ich habe mir das Video nicht bis zu Ende angeschaut, nur durchgespult, um mir die Sinnsprüchlein zwischendrin anzusehen. „Denk dran: Es gibt Unterschiede, aber es gibt keine Makel. Kontrolliere deine eigene Perspektive; Perspektive ist alles. Um jung zu bleiben, höre nie auf, auf das Wundervolle zu schauen“ usw. usf. Und ich bin immer noch dabei zu ergründen, was mich an dieser Botschaft, die einem ja schnell mal entgegenschallt, wenns um Empowerment gehen soll, so wütend macht. Du bist schön, egal was die anderen sagen.
Wende ich also den alten Trick an und kehre die Geschlechter um: Würde so ein Video auch für Männer gedreht werden? Nein. Will man Männern alle naslang erzählen, sie seien schön, no matter what? Oh nein. Schönheit ist für Männer überhaupt nicht in dem Maße eine (Selbst-)Bewertungskategorie wie für Frauen. (Vielleicht noch nicht, wer weiß.) So komme ich immerhin meinem Unwillen dieser Auch-du-bist-schön-Botschaften auf die Spur: Es ist die Kategorie, die mich stört. Die implizite Aufforderung, Schönheit als Bewertungskategorie für sich anzuerkennen.
Natürlich muss man hier unterscheiden zwischen der Vorstellung von Schönheit, die gesellschaftlich vorherrschend ist, also weiß-schlank-jung-ebenmäßig (würde ich beim Blick auf die Zeitschriftencover mal zusammenfassen). Und der Vorstellung von Schönheit, die Empowerment-Kampagnen verbreiten wollen, nämlich: Vielfalt. Ich verstehe ja auch die Utopie dahinter: Wenn alle Frauen sich ab heute schön fänden, gäbe es keine Schönheitsideale mehr und ganze Wirtschaftszweige würden zugrunde gehen. Es gäbe dann quasi auch keine Schönheit mehr, weil ja alle schön wären. Dann, ja dann könnten wir diese Kategorie endlich begraben.
Aber ist das nicht ein perfider Mechanismus? Denn er sagt doch: Liebe Frauen, es ist wieder mal an euch: Findet euch schön, so wie ihr seid. Denkt immer dran: Die Veränderung muss in euren Köpfen beginnen. Viel Erfolg wünscht euch euer Patriarchat. PS: Solange ihr noch mit eurer Schönheit beschäftigt seid, regeln wir hier weiter die Dinge, ok? Wir sehen ja, ihr habt Wichtigeres zu tun – und so ein Umdenken braucht ja auch Zeit!

1 Kommentar:

  1. so habe ich das noch nie zu ende gedacht, aber es entspricht auch meiner haltung zu "du bist schön, egal was andere sagen". vor allem impliziert das ja, dass ich mich zwar gegen die bewertung wehren kann, aber dass sie eben trotzdem stattfindet. und das ist ja wiederum die wurzel des übels ...

    @patriarchat. danke für deine netten zeilen, sie erreichen mich leider nicht. empfängerin unbekannt verzogen. ps: hab dich deswegen nicht allzu sehr

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