Donnerstag, 4. Oktober 2012

Good, the girl said


Die Sonne war wie ein riesiges Fünfzigcentstück, das jemand mit Kerosin übergossen und dann mit einem Streichholz angezündet hatte, und dann hatte er gesagt: „Hier, halt das mal, ich hol mir nur eine Zeitung“, und er hatte die Münze in meine Hand gelegt und war nie wiedergekommen.
Gleich auf den ersten Metern das Gefühl: Das ist aber eine sehr gute Übersetzung, oder?, ich kenne den Text nicht im Original, dennoch der Eindruck, dass der Übersetzer einen eigenen Tonfall gefunden hat; nicht versucht hat, das amerikanische Timbre, wie ich es mal nennen will, ins Deutsche zu übertragen.
Diese Lässigkeit, die amerikanische Erzähler oft haben, die Kurzangebundenheit ihrer Dialoge, und wie die Offenheit und Weite der Landschaft immer mitzuschwingen scheint. Ist natürlich eine steile These, dass die Größe des Landes sich auf die Literatur auswirkt, aber trotzdem: auch dieser Humor, der niemals verbissen auf Pointe aus ist, sondern die Seltsamkeiten des Lebens bemerkt und vorbeitreiben lässt wie Tumbleweed in der Wüste, kurz vor Las Vegas..., dafür gibt es im Deutschen keine Entsprechung.
Man merkt einer Carver-Übersetzung immer an, dass sie eine Carver-Übersetzung ist, es gibt diesen Tonfall im Deutschen nicht, selbst wenn man versuchen würde ihn zu treffen, würde es, zweite steile These, nicht funktionieren. Klar ist aber auch, dass „Forellenfischen in Amerika“, der Roman, von dem ich hier eigentlich spreche, nur von Richard Brautigan geschrieben werden konnte, eine Banalität im Grunde, dass jedes Buch nur von seinem jeweiligen Verfasser usw., wo war ich?
Ach ja, die Übersetzung. Von Günter Ohnemus. Hier mal eine Stelle, die ich ganz wunderbar finde, der Erzähler wird von einer jungen Frau („Mädchen“) zum Miteinanderschlafen animiert:

Ich hatte keine Wahl, denn mein Körper war wie ein Schwarm Vögel auf einem Telefondraht, der in die Welt hinausgespannt war, und Wolken rüttelten vorsichtig an den Drähten. 
Ich bumste mit dem Mädchen.
Es war wie die ewige neunundfünfzigste Sekunde, wenn sie zur Minute wird und dann irgendwie dämlich aussieht.
„Gut“, sagte das Mädchen und drückte mir einen Kuss ins Gesicht.

U.a. weil ich wissen wollte, was die Vorlage war für „bumsen“, ein Wort, das aus einem vergangenen Jahrzehnt zu mir spricht, habe ich den Text im Internet herausgesucht. Und bitte:

There was nothing else I could do for my body was like birds sitting on a telephone wire strung out down the world, clouds tossing the wires carefully.
I laid the girl.
It was like the eternal 59th second when it becomes a minute and then looks kind of sheepish.
"Good," the girl said, and kissed me on the face.

Also wirklich eine sehr gute Übersetzung, meiner Meinung nach; wie der Übersetzer mit all seinen winzigen Akzentsetzungen die Szene interpretiert: „Ich hatte keine Wahl“, viel zwingender als ein wörtlich übersetztes „Da war nichts anderes, was ich hätte tun können“. Oder „my body was like birds sitting“: Kein Versuch, diese Verschleifung auf Deutsch nachzuahmen, stattdessen rückt der Vogelschwarm ins Bild. Oder was alles an Lächerlichkeit und Verächtlichkeit im sheepish-wirken mitschwingt, zusammengefasst im „irgendwie dämlich“. Oder was es dem „Gut“ dann auch für einen Ton gibt, wenn man quasi den Schmatzer des tantenhaft ins Gesicht gedrückten Knutschers hört, und dem Erzähler nicht bloß unbestimmt aufs Gesicht geküsst wird.

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