Sonntag, 7. Oktober 2012

Schönheitsideale


Die ca sechzehnjährigen Mädchen, die mir gegenübersitzen, erinnern mich an mich selbst in dem Alter, so klug wie sie tun habe ich mich damals auch gefühlt; nie klüger als in dem Alter. Sie tragen die Uniform aus engen Jeans und Oberteilen mit Turnschuhen, die Haare lang und offen, die Gesichter einen halben Ton zu dunkel geschminkt, stumpf gepudert, so furchtbar jung. Und ihre Art zu sprechen, immer leicht gelangweilt, Unterton von: Ist doch so, oder?, aber das ist keine Frage, die sich an irgendjemanden richtet, sie sind sich sicher.
Dass es da ein Mädchen gebe in ihrer Klasse, die halbwegs professionell modeln würde, berichtet die eine, und die sei so dünn, dass alle es schon eklig finden würden – aber die Fotos würden dann doch ästhetisch aussehen, das verstehe sie nicht. Mein Impuls, gleich loszupoltern wegen eklig, ich halte mich zurück, und die Moderatorin der Runde reagiert denn auch sogleich, gelassen erklärt sie, dass es aber nicht darum gehen dürfe, Körper in gut und schlecht einzuteilen. Und der Körper auf den Fotos sei auch nicht der Körper der Klassenkameradin, sondern eine digital bearbeitete Version davon.
Und man darf den Mädchen ihre Dummheit ja wirklich nicht zum Vorwurf machen, denke ich, sie hatten einfach noch nicht sehr viel Gelegenheit, sich in der Welt umzuschauen oder viele Gedanken zu denken, sie gehen noch zur Schule, leben in ihrer Mädchenwelt. Altertypische Beschränktheit, und mein enges Gefühl, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.
Dass sie trotz feministischen Selbstverständnisses, trotz aller parat gehaltenen vernünftigen Argumentationen trotzdem ihre Körper immer wieder kritisch mustern würden, berichten mehrere Frauen in der Runde, dass sie trotzdem denken würden: zweifünf Kilo weniger wären nicht schlecht, und wie sie das nerven würde. Breite Zustimmung, leicht hysterische Bekenntnisstimmung: Sagbloß, das geht mir genauso!
Und ich kenne das ja auch. Gedanken, die ich niederkämpfen muss, täglich, denen ich keine Chance geben will, denn sie sind leer, leer, leer. Und dazu muss ich sagen: Ich bin schlank, habe nie die Anrufung erhalten, dochmal 15 Kilo abzunehmen, wie eine andere Frau erzählt, die sich über Gleichmacherei in der Diskussion beschwert. Meine einzige Erinnerung daran, wie ich mal mit 18 aus dem Urlaub zurückkam und fünf Kilo weniger wog und dafür von mehreren Seiten Komplimente bekam, gerne mit der Versicherung: Nein, dick sei ich ja vorher wirklich nicht gewesen!, aber wie ich jetzt aussähe!!, das sei doch wow!!! Die fünf Kilo waren aber schnell wieder drauf.
Dass er schockiert sei, sagt einer der wenigen Männer im Raum, schockiert, also ehrlich schockiert und sich das so nicht vorgestellt hätte, er würde die Typen auf dem Men’s Health Cover ja auch sehen, aber sich eben denken, so sehen die halt aus, so muss ich nicht aussehen, und bisher habe er immer angenommen, dass alle anderen das genauso halten würden. 

2 Kommentare:

  1. "wie schlank du schon wieder bist" geärgert habe ich mich über jeden einzelnen kommentar zu meinem körper nach der geburt. und heimlich dann doch ein bisschen gefreut.
    wie kommt man aus diesem denken nur raus? sitzt das so tief, dass wir es ewig mitschleppen müssen?

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    1. Genau das frage ich mich auch...

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