Freitag, 26. Oktober 2012

Unsere Lehrer


Unser Englischlehrer in der Mittelstufe, der jede seiner Stunden am Ende mit einem „Also nochmal ganz kurz auf Deutsch“ zusammenfasste. Unsere Englischlehrerin in der Oberstufe, Kettenraucherhusten, Falten tief ins Gesicht eingegraben, Typ „Es ist auch für mich die sechste Stunde!“, die mit uns Lord of the Flies las, uns auch den Film zeigte. Mich danach fragte (warum mich?, kann mich an die Gesprächssituation nicht erinnern), warum die Jungs im Kurs bei den Gewaltszenen gelacht hätten. Aus Unsicherheit?, eine Antwort der Lehrerin zuliebe, genauso wie betroffenes Schweigen während des Films eine Reaktion der Lehrerin zuliebe gewesen wäre. Dass die Jungs aus dem Kurs schon unzählige Male „From Dusk till Dawn“ geguckt hatten, sich bei den Splatterszenen nicht einkriegen konnten; dass auch die Gewaltszenen in den Filmen, die sie sonst so konsumierten, vorallem der Unterhaltung dienten – dass die Lehrerin das nicht im Blick hatte, wundert mich im Nachhinein. (Der Sozialkundelehrer in der Mittelstufe zeigte uns einmal Ausschnitte aus „Der große Diktator“. Wie die Hitlerdarstellung in dem Film auf ihn gewirkt hätte?, Frage an einen Mitschüler. Antwort: Ja, bedrückend, schlümm. Standardreaktion; verinnerlicht: Hitler nicht anders finden zu dürfen als so, selbst dann nicht, wenn Chaplin ihn spielt.) Unser Biolehrer, alle Stufen, der früher bei der Bundeswehr gewesen war, als was?, man munkelt, in einer höheren Position. Sein abruptes Umschalten vom Spaßerlmachen zum Zücken des roten Büchleins, in das er vorgeblich die Namen der Schüler_innen notierte, die jetzt, zwei Sekunden zu spät, noch lachten. Unser Kunstlehrer, Leistungskurs Oberstufe, mit seinem gespielten Lachen, wenn er seine vernichtenden Urteile abgab: „Ja, das ist jetzt – ganz schlecht!“ Und unsere Deutschlehrerin in der Unter- und Mittelstufe, die mich anschnauzte, als ich, es ging in irgendeinem Zusammenhang um die ersten Nachkriegsjahre, das Wörtchen „Wiederaufbau“ einwarf: Ein Wiederfinden sei das gewesen, höchstens, ein Wiedereinsammeln, aber noch lange kein Aufbau! Unsere Lehrer, Erwachsene, und noch wenn ich an sie zurückdenke das Gefühl: Unvorstellbar, einmal so zu werden wie die. Bin auch nicht so geworden wie die, aber nicht weil ich nicht erwachsen geworden wäre oder ganz anders. Sondern weil meine Perspektive als Schülerin andere Menschen aus ihnen gemacht hat; Menschen, die so nur in meiner Wahrnehmung existierten. Das unwiderstehliche Gedankenspiel, wie das Ich von damals wohl das Ich von heute wahrnehmen würde: Einzufädeln auf die lange Kette der Selbstbeurteilung, -bewertung, -benotung, der Zeugnisse, die wir uns selbst ausstellen, täglich: Sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft, ungenügend, ungenügend, ungenügend.

1 Kommentar:

  1. Wie mein Ich von damals (15) das Ich von heute (30) beurteilt, weiß ich. zum Glück? Eine Freundin und ich haben uns damals Briefe geschrieben: an unser zukünftiges Ich, damit wir nicht so werden wie wir Erwachsene damals wahrgenommen haben. Ich habe den Brief nicht erst heuer geöffnet, sondern lese ihn seit ich 18 bin immer wieder. Was soll ich sagen ... nach und nach habe ich mich von meinem Wunsch-Ich entfernt. Ich weiß nicht, was ich über mich sagen würde. Einiges würde ich bestimmt gut finden. Vieles nicht so,

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