Donnerstag, 22. November 2012

Gelesen: Tanzen auf Beton


von Iris Hanika.
Irgendwer, und ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mir vorher schon von diesem Buch erzählt, hat gesagt: Tanzen auf Beton, das beziehe sich aufs Berghain, und dort würde dann Sex gehabt, und da das Buch bekanntermaßen sehr autobiografisch sei, könne man sich den Rest ja denken. Lüstern-lästernd der Tonfall bei dieser Rede; ich nahm erstmal Abstand von der Lektüre. Aber irgendwas, und ich weiß nicht mehr, was es war, hat mich dann doch veranlasst, mir das Buch zu besorgen. Gestern Abend habe ich es gelesen. In einem Rutsch.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, Tanzen auf Beton bezieht sich aufs Berghain. „Tanzen auf Beton zu Musik aus Beton ist mehr ein Wippen und Hüpfen auf Beton“, es werden sich dabei sorgenvolle Gedanken um die Bandscheibe gemacht; „Tanzen auf Beton ist eher was für die jungen Leute.“ Und auch Sex im Berghain ist eher was für die jungen Leute, zu denen man nicht mehr gehört, es wird sich also bloß vorgestellt, wie es wäre: „Das wäre dann schmutziger Sex gewesen, nicht wahr? Beziehungsweise „anonymer Sex“, das ist der Fachausdruck. Ein roher Akt, aber keiner der Roheit! Ficken auf Beton halt, Sex im Krach. Wir wären um ein Erlebnis reicher. Von dem wir den Enkeln nicht erzählen wollen, sollten wir einmal welche haben, doch könnten wir davon zehren, weil wir mit Gewissheit wüssten, auch einmal jung gewesen zu sein.“
Es löst immer eine gewisse Euphorie bei mir aus, wenn ich beim Lesen denke: Ja, genau!, genau!!!, sei es, weil mir stilistisch etwas gefällt, ich mich mit den Gedanken/Gefühlen verbinden kann oder weil ich einen bestimmten Sachverhalt treffend auf den Punkt gebracht finde. Das mit der Gewissheit, jung gewesen zu sein, wild, am Leben – und die Dinge, die man dafür tut, die man sich überlegt, hätte getan haben zu können – war jedenfalls so ein Ja-genau-Moment, und es gab noch viele, viele davon. Ein Glücksfall von einem Buch für mich, zumal es auch explizit ums Frausein geht.
„Die Vorstellung, dass eine Frau etwas ist, das keine Rechte hat, keine Wünsche zu haben, nichts zu melden hat, wenn ein Mann in der Nähe ist, dass eine Frau eben kein Mensch ist, sondern – etwas, dass eine Frau ein Ding ist, weil alles, was den Menschen ausmacht, Eigenschaften des Mannes sind, saß so tief in mir drin, dass ich gar nichts von mir wusste.“ Wie diese Vorstellung das Leben, die Beziehungen der Erzählerin beeinflusst hat, ist Thema in diesem Buch; währenddessen ist es schwierig zu sagen, wovon es eigentlich handelt.
„Weiterer Bericht aus der unendlichen Analyse“, so lautet der Untertitel, mit Analyse ist Psychoanalyse gemeint, es wird also viel nachgedacht, nachgeforscht, geblödelt auch, es gibt Reiseskizzen, Gedanken über Musik, Beobachtungen, Momentaufnahmen, Passagen wie diese hier: „Dass eine Liebesbeziehung überhaupt und hauptsächlich dafür da ist, andere Dinge zu tun, als verliebt zu sein, dass es in Wirklichkeit darum geht, sich durch den Alltag zu helfen, dass Nicht-allein-sein am Ende wichtiger ist als Verliebtsein, das – begreife ich überhaupt erst jetzt. Zu spät.“
Wunderbare Lektüre. Und um nochmal aufs Berghain zurückzukommen: Ich war da ja auch schon, ne. Sogar zweimal. Das erste Mal werde ich als Auch-ich-war-jung-Anekdote in Erinnerung behalten, auch wenn es keinen Sex gab. Und beim zweiten Mal sind mir eigentlich nur die suchenden Blicke derjenigen aufgefallen, die zu denken schienen: Jetzt bin ich drin, aber was soll denn hieran so toll sein? Tja. Das wars, Leute. Ein drittes Mal Berghain wirds für mich nicht geben. Die anderen Bücher von Iris Hanika interessieren mich jetzt hingegen sehr.

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