Samstag, 3. November 2012

Komm, schenk mir ein


Hagestolz, sagt der Exfreund, nachdem wir die Neuigkeiten ausgetauscht haben, A und B haben endlich eine gemeinsame Wohnung gefunden, C und D bekommen einen Sohn, bei E steht die Geburt kurz bevor. Hagestolz, dieses Wort habe er neulich in einem Roman entdeckt, sehr gut habe ihm das gefallen. Hagestolz, ein älterer, unverheirateter Mann, soviel weiß ich. Einer, der die Ehe verachtet, fügt der Exfreund hinzu. Sehr gut, betont er noch einmal; verstehst du, könnte er im Grunde gleich sagen, der Hagestolz, das bin ich. Aber genau diese Mitteilung spart er aus, und es ist ja nicht so, als hätt ich’s noch nicht begriffen. Ein bisschen eitel ist er auch, der Hagestolz, nichtwahr, sage ich.

Und dann die Exkollegin, die ich beneide, weil sie den Absprung geschafft hat, und die in der obligatorischen Abschiedsmail an alle schreibt, sie hoffe, in Zukunft dem ein oder anderen  von uns mal zufällig über den Weg zu laufen. Da kann ich nur den Hut ziehen ob soviel versteckter Gemeinheit: Sie will eigentlich nichts mehr mit uns zu tun haben, teilt sie uns zwischen den Zeilen mit, höchstens noch mit ein paar wenigen, und auch mit denen eigentlich nur dann, wenn es das Schicksal so ergibt. Lass uns Freunde bleiben: Ja, Brieffreunde – per Flaschenpost.

Dieser Impuls, es anderen geben oder zeigen zu wollen oder jemandem mal schön einen einzuschenken – und wie man als Empfänger solcher Handlungen immer bloß reagieren kann: Nimm’s hin, schau’s dir halt an, schluck’s runter. Als würden alle Menschen, dachte ich gestern, mit einem Kanister voll ätzender Bitterkeit in der Hand rumrennen, jederzeit bereit, ihren Mitmenschen etwas davon ins Becherchen zu füllen. H., die sagt, ich sei ja schon schlank, aber eben nicht sehr. M., die sagt: Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich Angst vor dir. J., der sagt: Eigentlich sind wir ja Feinde.

Und ich nehm mein Becherchen, als wär’s der Schnaps, der plötzlich vor einem auf dem Tisch steht, wenn alle schon sehr betrunken sind und niemand weiß, wer diese Runde bestellt hat. Einer geht noch, einer geht noch rein; beim nächsten Mal, ich ahne es schon, bin ich es wieder, die anderen einen ausgibt. 

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