Sonntag, 18. November 2012

Zweimal im Theater gewesen


, gedacht: Das ins-Theater-gehen besser mal sein lassen, vorerst. Weil ich derzeit bei allem, was ich auf der Bühne sehe, immer nur sehe, was mir gezeigt werden soll, was sich die Regie gedacht hat, wie es die Schauspieler umsetzen. Und ich verstehe auch, welches Gefühl ausgelöst werden soll – aber es wird nicht ausgelöst, nicht bei mir. Stattdessen eine seltsame Beklemmung, kein Jammern und Schaudern verspürt zu haben bei den zwei Stücken, die doch unbedingt Jammern und Schaudern hatten hervorrufen wollen, so unterschiedlich die Inszenierungen auch waren.
Fühl das jetzt, los!, hat die Musik in dem einen Stück geschrien, Countertenorrenaissancegesänge, schön eigentlich. Musik, die man auflegt, um sich in einen eventuell bereits vorhandene Melancholie einzukuscheln, und die hier aber eher so wirkte, als würde man auf ein Nutellabrot noch Zucker streuen, damit die Geschmacksknopsen auch sicher merken: Ah, süß. Guck, wie metaphorisch ich bin!, hat wiederum das Bühnenbild in dem anderen Stück geschrien; eine Rampe, viel zu hoch und zu steil, um sie überwinden zu können, gegen die die Spieler anrannten wie, na was wohl, gegen ihr Schicksal.

Lasst mich doch alle in Ruhe mit euren inszenatorischen Ideen!, habe ich geschrien, bei beiden Stücken, nicht laut natürlich, eher so nach innen. Mich selbst angeschrien, weil ich ja weiß, dass meine inszenatorischen Ideen – und seien es die des Alltags, der Art, wie ich auf andere Menschen zugehe, mich den Dingen des Lebens stelle – auch bloß rückgreifen auf das, was jeder kennt. So ist es, du wirst hineingeboren, du lernst die Gesten, die Sprache, das ganze Repertoire, du kannst nicht originell sein, höchstens unverständlich, und das willst du ja auch nicht.
Der dringende Wunsch, mich für einen Moment auf mein Bett zu legen und die Decke anzustarren, mich einmal, nur ein einziges Mal nicht verhalten zu müssen. Und die Behauptung von John Berger, die mir nicht aus dem Kopf geht: Dass Frauen von kleinauf daran gewöhnt werden, diejenigen zu sein, die angeschaut werden. Dass sie die Betrachterposition immer mitdenken, auf sich anwenden, selbst dann, wenn sie allein in einem Zimmer sind. Nicht bloß irgendetwas tun, sondern sich selbst dabei beobachten, wie man etwas tut: kenn ich. Die Frage, ob das tatsächlich was mit meinem Frausein zu tun hat, oder nicht doch eher mit meinem Temperament.

Dass eine der Probenideen gewesen wäre, mit zitternden Händen in der Kaffeetasse zu rühren, mit dem Löffel immer gegen den Tassenrand, um zu zeigen, wie nervös sie sei, erzählt mir K. Na klar, die zitternden Hände, tausendmal gesehen, überhaupt das Stilmittel: Kenntlichmachen der inneren Bewegungen durch äußere Bewegungen. Dann habe sie das aber wieder sein gelassen, sagt K. noch, man verstehe die Figur, die Szene ja auch so.
Interessant, wie sich der Zugang zu, der Umgang mit dem, was einem gezeigt wird, mit der Zeit verändert. Stolperte neulich zB über einen Filmschnipsel von Miranda July und musste feststellen, dass mir alles, was ich vor ein paar Jahren noch bezaubernd fand an ihr, inzwischen eher auf die Nerven geht: die Zerbrechlichkeit, die sie ausstrahlt, die ausgestellte Behutsamkeit ihrer Bewegungen, die Skurrilität von dem, was sie erzählt.
Dachte dann auch an so ein paar deutsche Schauspielerinnen, die eine bestimmte Attitüde an sich haben in ihrem Spiel, immer besonders unmittelbar, echt wirken wollen: Intensitääääät, so nenne ich das. Und Intensitääääät wäre wiederum etwas gewesen, das ich mir mit Anfang 20 noch als Lebensgefühl gewünscht hätte; eine Person zu sein, die einfach alles in sich reinschaufelt, durch sich hindurchfließen lässt, die Tage, Nächte und Menschen, der düstere Glamour des Sich-verschwendens. Inzwischen auch nicht mehr so attraktiv. Dafür aber plötzlich wieder Lust gehabt, Tocotronic zu hören; gerade die Überkandideltheit des letzten Albums ist momentan etwas, das mir gefällt.

Mal darüber nachdenken, ob ich wirklich glaube, dass es keine Echtheit gibt. Ob davon ausgegangen werden kann, dass jede Bewegung als Mensch bereits eine Inszenierung ist. „Authentizität als Fiktion“, diese Masterarbeit wurde mit Sicherheit schon geschrieben.

1 Kommentar:

  1. oh. dass, dass ich mich selber beobachte, auch wenn ich allein bin, etwas mit frausein zu tun haben soll ... ein eher unangenehmer, wenn auch schrecklich einleuchtender gedanke. irgendwie. und das heißt aber dann tatsächlich, dass es für frauen keine echtheit geben kann. hm ... "frausein als widerspruch zur authentizität". ob es diese masterarbeit schon gibt?

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