Donnerstag, 27. Dezember 2012

Da liegt noch ne Socke


, sagt ein Mann im Waschsalon zu mir, dabei hab ich noch gar nicht alle Sachen in die Maschine gepackt. Aber eine Socke ist danebengefallen und liegt jetzt auf dem Boden, da hat er Recht. Ob er auch was gesagt hätte, wenn das ein Schlüpper gewesen wäre?, das frage ich mich erst später. Sage: Ja, danke, drehe mich nicht um zu dem Mann, der einen etwas abgerockten Eindruck macht, das habe ich schon beim Reinkommen bemerkt. Und der es gut mit mir meint, Solidarität im Waschsalon, wo alle wissen, was für ein Mist es ist, keine eigene Maschine zu haben. Plötzliche Fürsorglichkeit angesichts danebengefallener, zumal einzelner Socken ist hier eine sehr nachvollziehbare Regung. Wie wenn man ein Stofftier auf dem Gehweg liegen sieht und sich fragt, welches Kind das wohl usw. Jetzt schnell nachschlagen, wie war das noch bei Brinkmann mit dem sommerlichen Schuh, „allein / auf der weiten Fläche des leeren Strandes“?  Richtig: „Das ist nicht fürchterlich. Das / ist einfach nur’n Schuh.“
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Drei Tage vor Heiligabend gleich zwei Verkäuferinnen im winzigen Spielwarenladen am Spreewaldplatz, die, während ich mich umschaue, immer am jeweils nächsten Regal dermaßen auffällig-unauffällig ein paar Sachen ordnen, dass ich am liebsten fragen möchte: „Bei Ihnen wird sicher viel geklaut, was?“, so ganz mitfühlend. Bei Dussmann hingegen laufen junge Frauen mit Engelsflügelchen aufm Rücken rum, um der Kundenschar den Weg zu weisen.
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Vor einem Jahr zu Weihnachten schon den Kopf geschüttelt über die Idee, dass sich zwei ZEIT-Reporter als Obdachlose ausgeben, um durch die reichste Gegend Deutschlands zu ziehen, an jeder Haustür fragend, ob sie hier übernachten, aufs Klo gehen, etwas zu essen haben dürften. Dieses Jahr waren die beiden wieder unterwegs, in Neukölln, das ist ja quasi bei mir ums Eck. Und wie denen da geholfen wurde, man kann nur staunen, am Ende hätte die Frau (die sich letztes Jahr übrigens einen Schwangerenbauch vorgeschnallt hatte, wegen Maria-Ähnlichkeit, dieses Jahr nicht) sogar einen Job gehabt.
Dass uns zwei verkleidete Reporter nun übers Leben als Obdachloser wahrscheinlich soviel erzählen können wie Günter Wallraff übers Frausein, wenn er sich denn endlich mal die Langhaarperücke aufsetzen würde, ist klar, ne. Was ist also Sinn und Zweck dieser Dossiers? Jammern und Schaudern? Auch-mal-an-die-eigene-Nase-fassen, was Hilfsbereitschaft angeht? Gute Unterhaltung? Nadia Shehadeh hat sich jedenfalls geärgert, und ich kann das absolut verstehen (und mag ihre pointierte Schreibweise). Was mir dazu noch eingefallen ist: „Schreibt doch mal was über Obdachlose“, wo misscaro erklärt, warum sie dieser Vorschlag wütendtraurigirgendwas macht – auch sehr lesenswert. 
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