Dienstag, 15. Januar 2013

Im Kino: Amour


Auf Gleisbauarbeiten eine wunderbare Besprechung von Hanekes „Liebe“; ein Film, in den ich gegangen war mit der Erwartung, sicher heulen zu müssen, und dann saß ich im Kinosessel und wagte es kaum mich zu rühren, als würde Haneke mich durch jedes seiner Bilder anbrüllen: Haltung bewahren!, unfassbar streng.
Für mich ein Gefühlsrätsel, das ich nicht so recht lösen konnte, woher kam denn jetzt dieser Eindruck?, und tatsächlich hat mich, obwohl ich den Film schon vor Wochen gesehen habe, die Besprechung eben erst auf die Spur gebracht. Haltung bewahren, das ist nämlich die Devise im Umgang der beiden Hauptfiguren miteinander, der Eheleute, des Liebespaares. Und wenn das nicht mehr geht: Dann Schluss, bitte.
Die Szene, als Anne momentlang wie weggetreten ist, und wie sie danach zunächst mal einfach weitermachen will, ich hab nichts, es ist nichts, hier, in dieser Wohnung, dieser Ehe, diesem Leben ist kein Raum für irgendeine Art von Irritation, für irgendetwas abseits des Gewohnten.

Und warum hab ich eigentlich gedacht, ich müsste heulen. Weil ich wohl dachte, das Identifikationspotential mit diesem Paar wäre groß genug, wer wünscht sich das nicht, mit einem Partner bis ans Lebensende usw., wer hat sich das nicht zu wünschen innerhalb unseres Wertesystems, es ist ein sehr, sehr hoch gehaltenes Ideal: Die Zweierbeziehung, bis dass der Tod.
Die Zweierbeziehung, die in Ausschließlichkeit und Aufeinander-bezogenheit verläuft. Die Szene, wie Anne und George nach dem Konzert mit dem Bus nach Hause fahren und dann die Wohnung betreten, unendlich vertraut miteinander, mit dem, was sie immer so machen. So scheint es, und was ich dabei übersehen habe: Es geht offensichtlich darum, die Dinge immer so zu machen, wie sie immer schon gemacht wurden, weil sonst auch die Vertrautheit weg wäre.
An den Routinen festhalten, den Ritualen, den Traditionen, sich darin einander versichern. Das Tröstliche, das Verbindende des Bekannten hat allerdings eine Kehrseite: Die Bedrohung der Zweisamkeit, die vom Unbekannten ausgeht. Von dem, was man von dem Anderen evt noch nicht weiß, was von außen kommt, was neu ist.

Und sei es ein Vogel, der sich in die Wohnung verirrt, zwei- oder dreimal. Wie unheimlich diese Szenen auf mich wirkten; meine Erwartung, sie würden sich gleich ausweiten in irgendetwas Albtraumartiges, auch das verstehe ich jetzt besser. Annes Krankheit weitet sich aus in etwas für George Albtraumartiges, das er dann beendet. Wem zuliebe, die falsche Frage. Um die Haltung zu bewahren.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen