Donnerstag, 10. Januar 2013

Man sollte doch meinen


, dass die das nicht mehr nötig hat, sagt K., wir reden über den Marina-Abramovic-Film, über die Szene am Anfang, als Abramovic bei einem Fotoshooting mit einem prächtigen Dekolletee vor der Kamera posiert. Dass die Brüste gemacht sind, ist kein Geheimnis. Im Film erzählt Abramovic, wie sie mit 40, nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten, sich fett und hässlich und einsam gefühlt habe, und dann erstmal shoppen gegangen sei. Luxusmode.
Ein klassischer weiblicher Aufwertungsmechanismus, behaupte ich. K. nickt. Wir kennen das beide: Sich was Schönes anziehen, sich schminken; Dinge, die man tut, um ein bisschen besser auszusehen und sich in direkter Folge ein bisschen besser zu fühlen. Ein Gefühl, das natürlich nur aus der Grunderfahrung von „Ich erhalte Anerkennung für mein Aussehen“ heraus entstehen kann; der Blick von außen und die Kriterien, nach denen eine positive Bewertung erfolgt, sind da schon miteinberechnet.
Wie R. vor hundert Jahren mal zu mir sagte: Ich würd mir doch nicht mehr die Haare waschen, wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre.
Und ich: Ich schon, ganz allein für mich würde ich das tun!
Aber wer weiß. Sind ja Gedankenspiele. Marina Abramovics glattes Gesicht hingegen: vollkommen real. Genauso wie zB Madonnas Knackarsch. Ach, die kann auch nicht in Würde altern, sagt man dann. Wie lächerlich, sich die Falten unterspritzen zu lassen, sich jugendlich anzuziehen, um alles in der Welt nicht so alt wirken zu wollen, wie man ist.
Man sollte doch meinen, dass die das nicht mehr nötig hat. Als wäre Anerkennnung, die man fürs Aussehen erhält, irgendwie minderwertig, als sollte sie ab einem bestimmten Alter unbedingt verzichtbar sein. Dabei ist es nicht so, als hätte man jemals die Wahl gehabt, ob man aufgrund von Aussehen bewertet werden will oder nicht. Sowas findet einfach statt. Und fängt an, wenn man noch gar nicht denken kann. Wer von uns war nicht das niedliche Baby?
Und dann soll es bitte Schicksal sein, ob man schön, wie lange man jung ist. Bei alldem nicht zu dünn sein. Nicht zu stark geschminkt. Nicht zu faltenfrei. Die Grenzen, innerhalb derer man die Bewertung von Aussehen positiv zu beeinflussen versuchen darf, sind eng gesteckt. Mühelos solls aussehen. Ganz natürlich. Bemerkenswert die Häme, die Frauen bei Botox-Verdacht entgegenschlägt: Da will wohl eine was haben, das ihr nicht mehr zusteht!
Die hässliche Befriedigung darüber, dass am Ende noch jeder an der Anerkennung-für-Aussehen-Front nach hinten gerückt ist: auch so eine Art von Aufwertungsmechanismus. Und währenddessen darüber nachdenken, ob ich mir jetzt doch mal die Haare färben soll. 

1 Kommentar:

  1. Ein schöner Eintrag!
    Mal abgesehen davon, dass ich den Film wirklich interessant fand. :-)

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