Montag, 4. Februar 2013

Gelesen: Top Girls – Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes


von Angela McRobbie.

Seit ich mich mit Feminismus beschäftige, begegne ich immer wieder einer offenbar sehr weit verbreiteten Meinung: Junge Frauen, heißt es, würden denken, man hätte in Sachen Gleichstellung doch schon alles erreicht; Feminismus sei nicht mehr nötig. Interessanterweise habe ich diese Behauptung noch nie von einer jungen Frau gehört, sondern immer nur von anderen Personen, in verschiedenen Zusammenhängen; mal sollte das Selbstverständnis einer neuen Generation unterstrichen werden, mal sollte bewiesen werden, warum es mit der Frauenbewegung angeblich nicht vorangeht, mal sollten junge Frauen als dumme Dinger diffamiert werden.
McRobbies Buch hat mir geholfen, dieses Phänomen zu verstehen. Unter der Kapitelüberschrift „Ist der Feminismus am Ende? Die Politik der Desartikulation“ beschreibt sie sehr genau und anschaulich einen gesellschaftlichen Mechanismus, den ich für mich auf den Begriff Entknüpfung gebracht habe. Ziel ist dabei, Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Gruppierungen, also in diesem Fall Frauengenerationen oder -bewegungen absichtlich zu negieren und Solidarisierung zu verhindern.
Beispiel: die ständige Aufforderung, sich als Feministin (in Deutschland) doch bitte zu Alice Schwarzer zu positionieren. Da wird immer wieder so getan, als wäre DIE Alice Schwarzer DER Feminismus, was nicht bloß andere Akteurinnen der Schwarzer-Generation unsichtbar macht. Es ist noch perfider: Kritisiert man den Schwarzer-Feminismus, kritisiert man gleich DEN Feminismus, denn von unterschiedlichen Feminismen will niemand was wissen. Und bei „Pornos verbieten wollen wir nicht, aber wir wollen...“ hört der Mainstream dann auch schon wieder auf, zuzuhören.

Im Zuge der #aufschrei-Debatte meine ich genau diesen Desartikulations-Mechanismus wiedererkannt zu haben. Das Thema Alltagssexismus wurde sehr schnell in die Talkshows geholt, die Relevanz der Debatte also zunächst mal von öffentlich-rechtlicher Seite bestätigt. Wenn dann aber gefragt wird: „Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“ bzw. „Sexismus-Aufschrei: hysterisch oder notwendig?“, wird klar, dass es unmöglich darum gehen kann, sich dem Thema ernsthaft zu widmen.
Und mit ernsthaft meine ich: Auf Augenhöhe mit den weißnichtwievieltausend Frauen, die bei Twitter davon berichtet haben, wie der Alltagssexismus ihnen Guten Tag gesagt hat – oder zumindest die Tatsache anerkennend, dass diese Erfahrung offensichtlich zum Frauenleben in der Bundesrepublik dazugehört. Stattdessen wurde der #aufschrei sowas wie die neue Attraktion im Medienzirkus: Einmal herumgereicht, voraussichtlich schnell wieder vergessen.  
Nun kann man einwenden, dass diese Dynamik viele Debatten beherrscht. Worauf es mir aber ankommt: Alltagssexismus gehört zum gesellschaftlichen Status Quo, und wenn an dem gerüttelt wird, ist die Panik der Behüter und Bewahrer natürlich groß. Deswegen, das ist meine These, wurde das Thema so schnell von den Mainstreammedien aufgegriffen. Nicht mit der Absicht, etwas zu ändern – sondern mit der Absicht, Auseinandersetzung vorzutäuschen, um das Thema dann genauso schnell als bearbeitet und erledigt zur Seite legen zu können.  
Es wundert mich überhaupt nicht, dass im #aufschrei-Strom bereits am Morgen, nachdem in der Nacht der Hashtag aufgetaucht war, die Spötter_innen so prominent vertreten waren. Es wird von vielen Seiten vieles getan, um diese Bewegung, die eigentlich noch gar keine Bewegung war, sondern eine umfangreiche Sammlung von persönlichen Alltagssexismus-Erlebnissen, in Schach zu halten. Es wird sich NICHTS ändern, das ist mein düsteres Fazit. Bzw FAST NICHTS: Es bleibt zu hoffen, dass der #aufschrei einige Personen sensibilisiert hat. Na gut, das wäre dann IMMERHIN SCHON ETWAS.
Und obwohl ich mich jetzt doch ein bisschen von McRobbies Desartikulations-Begriff entfernt habe: Was für ein Aufwand betrieben wird, um bestimmte Bewegungen oder Debatten klein und leicht händelbar zu belassen, möchte ich in Zukunft gerne im Auge behalten.

Ein weiterer Mechanismus, den McRobbie beschreibt, ist die „postfeministische Maskerade“. Als Postfeminismus definiert McRobbie eine Form des Antifeminismus, der auf der Annahme beruht, DER Feminismus hätte sich erledigt, weil all seine Forderungen bereits erfüllt seien. Dabei wird gerne auf den Umstand verwiesen, dass Frauen heutzutage nicht mehr auf den Mann als Ernährer angewiesen seien, sondern ihr eigenes Geld verdienen – was nicht zuletzt die Wirtschaft freut, denn Frauen, die ihr selbstverdientes Geld ausgeben, sind ja noch mal eine ganz eigene Zielgruppe.
Dementsprechend gefördert und gefordert wird die moderne, berufstätige Frau; hierzulande schön zu beobachten an dem Ruf nach Vereinbarkeit von Kind und Karriere, auf dass die Frau das leistungsstarke, kaufkräftige Subjekt bleibe, das der Neoliberalismus bevorzugt. (Nebenbemerkung: Mich nervt die Scheinheiligkeit dieser Diskussion, denn Männer haben es schon immer geschafft, Beruf und Familie zu „vereinbaren“. Aber aktuell wird der Fokus vorallem darauf gelegt, wie Frauen „auch Karriere“ machen können, anstatt dass mal jemand danach fragt, wie Männer „auch Familie“ machen könnten. Vätermonate, my ass.)
Aber zurück zur postfeministischen Maskerade. Frauen können jetzt wie gesagt auch Karriere machen, streben also männlich besetzte Ziele an, sind also Männer und somit für die anderen, ‚echten’ Männer nicht mehr begehrenswert. Oh? Nein, so geht es natürlich nicht. Rückversicherung von Weiblichkeit muss stattfinden, und zwar mittels Make-Up und Mode. Da es bei dieser Maskerade offiziell wiederum gar nicht darum gehen soll, Männer für sich zu gewinnen (das hat frau ja aufgrund eigenen Einkommens nicht mehr nötig), kommt es zu dem beliebten Diktum: Ich mache das nur für mich selbst. Mehr noch: „Die narzisstische Selbstbezogenheit perfekt gestylter junger Frauen beinhaltet eine Geste des ‚Ihr könnt mich mal’ an die Männer.“ 
Ach ja, verschlungen sind die Wege, sie aufrecht zu erhalten, die heterosexuelle Matrix... 

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