Dienstag, 12. Februar 2013

Weibliches Begehren in „Paradies: Liebe“


Endlich angeschaut, obwohl ich mich lange Zeit gesperrt hatte, furchtbar anstrengend und krass sei der Film, sagte ein Freund, und die Rezensionen taten ihr Übriges, dass ich dachte: Wird wohl eher eine Zumutung sein. Nachdem ich jetzt aber Paradies: Hoffnung gesehen habe, in dem Seidl das Begehren einer 13jährigen auf eine Art einfängt, die mir Teenager-Flashbacks beschert hat, war ich doch daran interessiert, wie er andere Frauenfiguren schildert, hier also Teresa, die Urlaub in Kenia macht.

Zunächst mal gibt es großes Gekicher an der Hotelbar, als Teresas Freundin ihr die kenianischen Männer, benannt mit dem N-Wort, vollkommen bezogen auf Äußerlichkeiten anpreist: Wie sie riechen, wie sie sich anfühlen, wie groß sie seien in jederlei Hinsicht, haha. Ein Gekicher, das Gefühle versteckt von Scham, von der Lächerlichkeit des eigenen Begehrens, so kommt es mir vor.
Teresa und ihre Freundinnen sind allesamt weiße, leicht bis stark übergewichtige Frauen mittleren Alters; Touristinnen aus Österreich. Dass sie sich hätte rasieren müssen für ihren letzten Mann, erzählt Teresa, es wird deutlich, wie lästig ihr das gewesen ist, aber dennoch: Was tut man nicht alles!, so klingt der Seufzer im Subtext. Die kenianischen Männer würden nichts dergleichen erwarten, versichert ihr die Freundin, die würden sie schon toll finden, wie sie sei.
Dass dieses Tollfinden Teil eines Deals ist, wird zwischen den Frauen nicht offen thematisiert. Klar hat Teresas Freundin „ihrem“ Mann ein Motorrad gekauft, man müsse ja „investieren“, sagt sie lachend. Teresas erste intime Begegnung mit einem kenianischen Mann folgt einer klassischen Prostitutions-Choreografie: Man nimmt sich ein Hotelzimmer, wo es ohne großes Geplänkel zur Sache gehen soll. Aber Teresa flieht aus dieser Situation, trotz aller Bemühungen seitens des Mannes, sie zurückzuhalten: So hatte sie sich das offensichtlich nicht vorgestellt.  
Sie möchte, dass man sich ihr anders nähert. So wie Munga, der mit ihr spazierengeht, redet, ihr sein Viertel zeigt, seine Wohnung, erstmal nur ihre Hand hält, und zu dem Teresa Vertrauen fasst, was klar macht: Das Geschäft, soll es zu einem Geschäft werden, muss hier auf einer anderen Grundlage stattfinden als auf einer rein rationalen. Die eine gibt Geld, der andere gibt Sex? Nein. Teresa will sich gemeint fühlen, sicher sein, dass Munga sie auch mag.
Mit wievielen Frauen er schon zusammen gewesen sei, fragt sie ihn, und ob es nicht komisch für ihn sei, mit ihr durch die Straßen zu gehen. Die Leute würden halt denken, sie würde ihn bezahlen, antwortet Munga, aber was andere denken, sei ihm egal. Für ihn zähle nur die Liebe, und die habe kein Ende – was Teresa wiederum bezweifelt. Auf die Illusion, die Munga hier für sie aufbaut, lässt sie sich aber gerne ein.

Dass ihre Brüste nur durch den BH oben gehalten werden und ohne BH hängen, das sagt und zeigt sie ihm, als sie sich dann körperlich näherkommen; mehrmals lässt sie ihre Brüste aus den BH-Körbchen plumpsen. Sie weiß, dass ihr Körper nach allen Regeln der Gesellschaft als nicht begehrenswert gilt – aber bevor das jemand anders feststellen kann, tut sie es lieber, zeigt ihrem Gegenüber, dass sie es schon verstanden hat. Schnell sich selbst herabwürdigen, bevor es jemand anders es tun kann: oft, oft, oft schon beobachtet.
Die Brüste nicht zwicken, beim Küssen nicht zuviel Zunge, und in die Augen schauen: Im Bett erklärt Teresa, wie sie es gerne hätte. Es gelingt ihr also, eigene Wünsche zu formulieren – aber wir haben es hier nicht mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun, die um Konsens bemüht sind. Im Gegenteil, Teresa spricht mit Munga wie mit einem Schulkind, so klang es in meinen Ohren. „I am not an animal“, betont sie, bemüht, alles Tierisch-Triebhafte von sich zu weisen und sich selbst als denkendes, fühlendes Wesen zu präsentieren (und sich so von ihm abzugrenzen?, könnte man diskutieren).
Die Bezahlung schließlich kommt nicht als Bezahlung für sexuelle Dienstleistungen daher, sondern als Unterstützung für Mungas Schwester und ihr Kind, für andere Personen in seinem Umfeld. Teresa zückt die Kamera, um schlafende Schulkinder und Mungas Schwanz abzulichten, das sind doch mal authentische Eindrücke; zückt auch, zunächst bereitwillig, ihr Portemonnaie. Du musst mehr geben, fordert Munga, und als Teresa sich weigert, verweigert er ihr die Zuwendung. Die Illusion von Nähe wird brüchig; Teresa dämmert, wie das Geschäft funktioniert.
Es gibt eine Szene, nachdem Munga sich von ihr abgewandt hat und sie nach ihm sucht, in der ein anderer Mann sie in eine Art Verkaufsgespräch zu verwickeln versucht. Er könne ihr die wahre Liebe geben, behauptet er, sie solle ihm nur eine Chance geben, und Teresa, missmutig, wehrt ihn ab: Woher willst du wissen, was ich brauche!? Ehrlich empört ist sie, als sie Munga schließlich antrifft, zusammen mit seiner Frau, die Teresa als Schwester vorgestellt worden war, und dem wahrscheinlich gemeinsamen Kind. Sie gibt Munga abgezählte Schläge, eine Maßregelung, wieder mein Eindruck: wie bei einem Schulkind; dann stapft sie davon.

Bald nähert sich ihr in weiterer Mann, auf eine ähnliche Weise wie Munga. Wir sehen Teresas Verzücktheit, als er ihr am Strand etwas vorturnt, und ihre Bitterkeit – es ist keine Enttäuschung, sie hat es geahnt, und trotzdem kotzt es sie an, dass jetzt schon wieder der Moment da ist, wo das Geld ins Spiel kommt – als auch er irgendwann den Bruder im Krankenhaus erwähnt, der finanzielle Unterstützung braucht.
Zu ihrem Geburtstag spendieren Teresas Freundinnen ihr einen Stripper, der vor der versammelten, lauthals gackernden Frauenschaft auf dem Hotelbett herumtanzt. In dieser Szene fällt der Schlüsselsatz: „Wir schaun jetzt, dass er n Ständer kriegt – und wer das schafft, ist der Sieger.“ Der Mann kriegt aber keinen Ständer; die Frauen sind demzufolge allesamt Verliererinnen. Oder, wie Marlene Streeruwitz sagt: Es bleibt beim Penis als Richter über den Wert der Frau
Auch in meinen Augen ruft diese Szene ein Verständnis vom Geschlechterverhältnis auf, bei dem die einzige Macht, die Frauen besitzen, darin liegt, begehrenswert zu sein. Es ist eine Macht, die immer vom männlichen Wohlwollen abhängt; die sogenannten „Waffen einer Frau“ werden durch den männlichen Blick erst legitimiert und einsatzfähig gemacht. Geld kann diese Waffen nicht ersetzen. Begehrtwerden ist nicht käuflich. Das ist es es, woran Teresa letztlich auch verzweifelt.
Do you want to kiss a white lady?, fragt sie am Ende den Hotelangestellten, den sie mit auf ihr Zimmer genommen hat, jetzt aktiv eine alternative Illusion aufbauend: Dass wenigstens sie es ist, die über ihn bestimmt; über die Art und Weise, wie er sein (nichtvorhandenes, das weiß Teresa inzwischen wohl auch) Begehren ihr gegenüber zu äußern hat. Wer das Geld hat, hat die Macht, so heißt es doch. Aber der Mann widersetzt sich ihren Anweisungen. Sie schickt ihn fort. Und liegt allein, heulend auf ihrem Bett. Es funktioniert nicht. Teresa bekommt nicht das, was sie sich wünscht. Das Erfolgsmodell der heterosexuellen Prostitution, mit dem Mann als Freier und der Frau als Prostituierten, es lässt sich nicht einfach so umkehren.

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