Montag, 11. März 2013

Alle Romy-Schneider-Filme, Teil 4: Mado, Die Dinge des Lebens


Mado (1976)
Der Film spielt zu Zeiten der Wirtschaftskrise, gabs nämlich alles in den 70er Jahren schonmal: Junge Menschen, die keine Arbeit finden und Bier trinken, genauso wie Geschäftsleute, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können und sich umbringen. Irgendein Unternehmen muss vorm Bankrott gerettet werden, ich verliere den Faden, warte auf Romys Auftritt: erste Hälfte des Films. Frage mich dann, ob das (diese lange, lange Einstellung, die sich ganz auf ihr Gesicht konzentriert, ist schon sehr besonders) bereits alles war: zweite Hälfte des Films. Nein, am Ende wird sie noch in die Klinik gebracht, auf zum Entzug. 
Wenn ich vorher gewusst hätte, wie winzig Romys Rolle hier ist, hätte ich mich wahrscheinlich mehr auf die weibliche Hauptfigur konzentriert, Mado, eine junge Frau, die als Prostituierte arbeitet und, ähnlich wie Lily in „Das Mädchen und der Kommissar“, dieser Tätigkeit mit einer großen Nonchalance nachgeht. Ich habe den argen Verdacht, dass die freiwillige Prostitution in beiden Fällen sowas wie das Maximum an weiblichem Selbstbewusstsein darstellen soll: Mado und Lily verkaufen ihre Körper und schämen sich noch nichtmal dafür. Skandal! 
Wobei der eigentliche Skandal in meinen Augen natürlich das Konzept ist, Frauenfiguren darüber zu charakterisieren, wie selbstbestimmt sie nun den eigenen Körper für andere verfügbar machen. Ganz übel in Erinnerung ist mir da auch eine Szene aus „Gegen die Wand“, wo die weibliche Hauptfigur sich, so wird es einem als Zuschauer erzählt, absichtlich komplett fertigmachen lässt, und das soll dann die ultimative Toughness sein: Waaas, die hat ja geradezu provoziert, so übel misshandelt zu werden, na da ziehen wir aber den Hut. Zum Kotzen! Es ist immer wieder dieselbe alte Dein-Körper-macht-Dich-zum-Opfer-Erzählung, die uns präsentiert wird (und über die ich auch schon einmal nachgedacht habe) – und die nie zum Thema wird, weil sie einfach zu den Voraussetzungen des Erzählens zu gehören scheint.

Die Dinge des Lebens (1970)
Vor Jahren habe ich den Film bereits einmal gesehen, und es ist schon lustig, wie man sich die Sachen so zurechterinnert: Der Autounfall, von dem man schon zu Beginn weiß, dass er stattfinden wird, ereignet sich nicht erst am Ende des Films, sondern so ziemlich in der Mitte. Spektakulär, wie sich das Auto da in Zeitlupe überschlägt, langsam, ganz langsam, man hat fast den Eindruck, der Regisseur war ein winziges bisschen verliebt in diese Szene und zeigt sie deswegen so ausführlich. Eigentlich, das zeigt er uns dann auch, geht so ein Unfall rasend schnell vonstatten, zackbumm, schon beißt jemand ins Gras und das Auto geht in Flammen auf, und die Schaulustigen machen ihre Gesichter dazu.
Was zuvor geschah: Ein Mann kann sich nicht entscheiden. Achgott, das habe ich ja bisher fast genauso selten gesehen wie eine Frau, die geheiratet werden will! Michel Piccoli, den ich, ich bin mir nun sicher, sehr verehre, spielt das aber ganz wunderbar. Dieser fassungslos-amüsiert-zärtlich-wehmütige Blick, als sein bei der Mutter lebende, beinahe erwachsene Sohn ihm die Zwitschermaschinen zeigt, die er konstruiert hat und verkauft. Mein Gott, das ist mein Junge, und ich weiß so wenig über ihn!, denkt Pierre da. Und als der Sohn ihn fragt, ob man nicht gemeinsam in Urlaub fahren könne, sagt er sofort ja.
Das bedeutet allerdings für Helene (gespielt von Romy), die Frau, für die Pierre seine Familie verlassen hat: Bitte hinten anstellen! Eigentlich wollte sie mit ihm verreisen, aber wann das stattfinden soll, bleibt nun weiterhin offen. Oh-ich-KENNE-solche-Situationen-Gefühle hatte ich bei der Szene im Restaurant, als Helene klar wird: Es wird für immer offen bleiben. Das Commitment, über das ich noch im Zusammenhang mit Pussycat räsoniert habe: Pierre bringt es nicht auf.
Er steigt stattdessen ins Auto, fährt weg, denkt nach, sieht eine Dorfhochzeit, schreibt Helene einen Brief, dass er sie verlassen will, schickt ihn nicht ab, ruft sie lieber an – habe ich etwas übersehen, oder geschieht das wirklich so aus dem Impuls heraus? – um ihr ausrichten zu lassen, sie solle ihm nachkommen, er wolle sie treffen. Und heiraten!, das ist wohl der Gedanke dahinter. Jedenfalls vielleicht!
Auf der Weiterfahrt dann allerdings der Unfall. Im Krankenhaus der Tod. Pierres erster Ehefrau werden seine Sachen ausgehändigt, sie liest den Brief an Helene und zerreißt ihn mit einer Ungerührtheit, die allerhöchstens ein bisschen deprimiert darüber ist, dass es solche Dinge waren, die Pierre zuletzt noch meinte zum Ausdruck bringen zu müssen. Sein Wankelmut, seine Unentschlossenheit: hiermit für immer beendet.

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