Montag, 17. März 2014

Das Gelaber über Sex

Mich beschäftigt einfach die Aufrechterhaltung von Erotik in langjährigen Beziehungen in größerem Maße als die Aufrechterhaltung unseres Wirtschaftssystems“, schrieb Rebecca Martin neulich in der ZEIT und als eine Facebook-Freundin von mir den Artikel mit genau diesem Zitat verlinkte, musste ich lachen und wollte kommentieren: „Wie alt ist die Autorin nochmal? 16?“, ergoogelte dann, dass sie 24 ist, im selben Alter wie meine Facebook-Freundin, die eigentlich nur eine Bekannte ist, weswegen ich doch nicht kommentierte, vielleicht, dachte ich, ist es ihr mit diesem Gedanken ja ernst, vielleicht berührt er ihr Leben. Das Thema scheint jedenfalls so einige Leute umzutreiben, erst neulich bei einer zufällig zusammengewürfelten Abendessenrunde kam das Gespräch darauf und alle waren sich einig, dass die Aufrechterhaltung von Erotik in langjährigen Beziehungen enorm wichtig und erstrebenswert sei, aber eben überaus schwierig zu bewerkstelligen. (Die jeweiligen Partner_innen waren bezeichnenderweise nicht anwesend.) Sex, ja gerne, aber der müsse doch nicht unbedingt innerhalb der Beziehung stattfinden, sagte T. und alle schauten etwas erschrocken. Sexualität, die Art und Weise des Begehrens, könne sich ja mit der Zeit auch ändern, sagte R. und alle nickten wissend. Die Vorstellung von vorhergeplanten Schäferstündchen, wenn man beispielsweise Kinder habe und kein Raum mehr sei für Spontaneität, das finde sie abschreckend, sagte M. und alle wogen ihre Köpfe, naja, najaaaaa. Ich saß daneben und musste daran denken, wie ich als Grundschülerin mit meinen Freundinnen kleine Zettel gemalt und in der Nachbarschaft aufgehängt habe, dass bitte die Hundebesitzer die Hundehaufen einsammeln und wegwerfen mögen, haltet unsere Gehwege sauber, rührend im Nachhein. Wie ich mich engagiert habe. Wie wenig das gebracht hat. Wie egal mir die Hundehaufe auf den Straßen heute sind. „Dann fickt halt etwas weniger, wenn ihr älter werdet“, las ich gestern in der Kolumne von Sibylle Berg und musste wieder lachen, auch wenn es bei ihr um ein bisschen was anderes geht. Mit so einer Bemerkung hätte ich mich in der Runde von neulich mal schön unbeliebt machen können. Aber das wäre gar nicht in meinem Sinne gewesen. Ich finde es ja gut, wenn die Leute sich darüber unterhalten, was ihnen wichtig ist. Und doch ödet mich das Gelaber über Sex an. Denn eigentlich geht es dabei nur darum, Einigkeit herzustellen: Ja, wir alle wollen die Zweierbeziehung, die langjährige, ebenso wie das Sexualleben, das erfüllte, und ja, wir fürchten das Verschwinden des Verlangens, als wärs eine Krankheit oder der Tod. Ah, hier kommt unser Essen, guten Appetit.

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