Mittwoch, 12. März 2014

Ich lerne eine neue Sprache

, lerne zuerst das Alphabet, diese komplett anderen Buchstaben. Wir malen sie wie Grundschüler, ordentlich in Reihen auf ein Blatt Papier, unsere Lehrerin geht herum, lobt mich, geht noch einmal herum, lobt mich noch einmal. „Machen Sie was mit Gestaltung?“, fragt sie, „Nein“, sage ich, möchte fast hinzufügen: Aber ich hatte Kunst-LK!, als würde das, vierzehn Jahre nach dem Abitur, noch irgendeine Rolle spielen, meine Güte, und was folgt, ist natürlich ein gedanklicher Exkurs unter dem Motto „Was wäre wenn“, was wäre also wenn ich etwas mit Gestaltung machen würde, weil ich zuvor etwas mit Gestaltung gelernt hätte, weil ich mich nach dem Abitur anders entschieden hätte; Talent, das zeigen mir die beiden nach oben gestreckten Daumen der Lehrerin, hätte ich ja gehabt bzw habe ich noch, ich säße dann jeden Tag in einem dieser Schaufensterbüros vor einem riesigen Bildschirm und würde irgendwas gestalten, Plakate vielleicht oder Broschüren und wäre, was ich ja auch bin, neidisch auf den Einfall mit den New Commas, die meinen Header zieren, und meine Wohnung wäre sicher viel hübscher eingerichtet und ich wäre ein anderer Mensch, ein bisschen zumindest, Tagtraum Ende, der nächste Buchstabe ist dran.

Und später dann dieser Typ, der vor vier Jahren, als ich ihn kennenlernte, noch orthodox lebte, stets Kippa trug und im Hotel zum Frühstück Knäckebrot und ein gekochtes Ei aß, weil das noch die koscherste Option war, und der jetzt eine Hipsterbrille trägt und eine zerfetzte Jeans, eine bereits zerfetzt gekaufte wohlgemerkt, und sehr öffentlich turtelt mit der Frau an seiner Seite, die er vor vier Jahren, schätze ich, noch nicht kannte, und der mir in einem raunenden Tonfall, Vertraulichkeit suggerierend, von der „Umstrukturierung“ in seinem Leben erzählt, ein Wort, als wärs ein rein technischer Prozess.

Und später dann auch die Frage: Und wo ist dein Mann?, und mir fällt wieder ein, genau, so war es, so ist es als Pärchen, um der Verpartnerungsnorm zu entsprechen, muss man stets zu zweit auftreten, tut man dies nicht, macht man sich gleich verdächtig und wird investigativ befragt, und dann hat man eine Entschuldigung vorzubringen, mein Partner kann heute nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen, weil, bitte ankreuzen. Zu oft darf das natürlich nicht passieren, sonst bleibt man sitzen und darf nicht mehr mit den anderen Pärchen, die bessere Noten in Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung haben, in eine Klasse gehen.

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