Mittwoch, 27. August 2014

Tante


Der schnaufende Atem, die emsigen kleinen Schritte die Treppe hoch, bepackt mit Taschen, in einer davon die Weihnachtsgans, bei ihr zu Hause vorbereitet, bei uns zu Hause in den Backofen gesteckt. Die Begrüßung: Beugt euch mal zu mir runter, sie anderthalb Köpfe kleiner als wir alle, trotz Absatzschuhe (natürlich damenhaft), trotz toupierter Haare (natürlich gülden gefärbt). Ihr Wangentätscheln, fast ein bisschen zu fest. Und dann erst mal einen Calvados und ein Zigarettchen. Blitzblaue Augen, heller Verstand, Sternzeichen Jungfrau, niemals Flausen im Kopf. Für uns Kinder gibt es aromatisiertes Marzipan, jedes Jahr wieder, wir haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihr zu sagen, dass wir das eigentlich nicht mögen, tauschen es bei unserem Vater gegen Kinderschokolade ein. Die Gans, die eigentlich eine Flugente ist, wird zum Mittagessen verspeist, Rotkraut und Apfelmus sind selbstgemacht, die Klöße nicht, da findet sie die aus der Packung, halb-und-halb, genausogut, dazu einzwei Gläser Weißwein, immer wieder der Stolz auf die knusprige Haut. Ihr Schnarchen beim Schläfchen nach dem Essen durchsägt das ganze Haus, wir kichern. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Meinen ersten Kuss, den fand ich einfach grauslig. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Kein Wunder, dass die Jungens nicht so spannend für dich sind, du kennst ja die Laffen (Anspielung auf meine Brüder). Wie sie mal zu mir gesagt hat: Weißt du, die Männer, das sind eigentlich arme Schweine (Anspielung auf die angebliche Triebhaftigkeit). Wie wir sie heute noch nachmachen, wir Kinder, die wir längst keine Kinder mehr sind, vor allem ihr „Bah!“, ein Laut der satten Freude – durchaus nicht das schlechteste, was von einem Menschen in Erinnerung bleiben kann. Tante, die eigentlich unsere Großtante war: Heute ist ihr Geburtstag und ihr Todestag, und ich denke an sie.

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