Mittwoch, 1. Oktober 2014

Pleite

Mir war nicht klar, dass ich ein sinkendes Schiff betrete, aber jetzt sitze ich schon wieder einem Investor gegenüber, er ist mir beinahe so unsympathisch wie die Investoren, mit denen ich vor anderthalb Jahren zu tun hatte, in einer anderen Firma. Aber du findest ja alle Leute erstmal unsympathisch, hat M. vor hundert Jahren mal zu mir gesagt, was tendenziell stimmt.
Dieser Investor ist einer von der Sorte „Ich will ja auch, dass meine Frau arbeitet“, er erzählt mir vom Ballettunterricht seiner Tochter, da seien immer diese Mütter, und diese Mütter, er wisse nicht, wie er das jetzt vornehm ausdrücken solle, seien eher so, er formt mit seinen Händen eine Kugel, und neulich sei es so heiß gewesen, da habe eine der Mütter ihr T-Shirt ausgezogen und dann im BH dagesessen. Ahja, sage ich und mache weiterhin mein „Ich werde nichts tun, um diese Situation irgendwie angenehmer zu gestalten“-Gesicht. Aber um auf die Kinder zurückzukommen, Kinder seien einfach was Tolles. Auch nervig, klar, das müsse man mal sagen, sagt er, aber toll.
Das Geschäftliche haben wir bereits abgehakt. Dass es durchaus beachtlich sei, was ich bisher erreicht hätte, hat er festgestellt, wie alt ich gleich sei?, ach und ein paar graue Haare hätte ich aber doch schon. Ob ich Ideen hätte?, bezogen auf die Zukunft der Firma, ich: Nein. Ob ich mir Sorgen machen würde?, ich: Nein. Fast musste ich lachen. Ich mache mir wirklich keine Sorgen.
Es ist wie in diesem Artikel, den ich neulich irgendwo gelesen habe (warum notiere ich mir sowas nie oder merke es mir genauer) über Angsttherapie, wo es darum ging, dass man nicht unendlich Angst vor irgendetwas haben kann, sondern dass irgendwann das Angst-Reservoir aufgebraucht ist, und dann hat man keine mehr, so ungefähr habe ich das in Erinnerung.
Noch bis vor Kurzem habe ich mir dermaßen viele Sorgen gemacht, Sorgen, die sich allesamt als unbegründet herausstellten, die ich mir nicht hätte machen müssen (aber wie viele von den Sorgen, die man sich macht, hätte man sich schon machen müssen, das ist doch gerade das Typische für die Sorgen, dass sie nutzlos sind, und würden sie einen nicht so quälen, hätte diese verschwenderische Qualität doch auch etwas Schönes).
Und jetzt ist dieses Reservoir eben aufgebraucht. Aber wie bei einer auf den Kopf gestellten Sanduhr beginnt es sich bereits erneut zu füllen, das weiß ich, auch wenn ich noch nichts davon spüre, ein fein rieselnder Strahl aus Sorgensand, aus winzig kleinen Sorgenkörnchen kommt von oben herab, es ist alles nur eine Frage der Zeit, denke ich, bis ich mir wieder Sorgen mache und dann wieder keine mehr und dann wieder welche und dann.

(Am Nebentisch sitzt ein Sohnemann, schätzungsweise Studienanfänger, seinen Eltern gegenüber, in deren Haus er nicht mehr wohnt, und die damit zu kämpfen haben, ihn nurmehr bloß noch besuchen zu dürfen in seinem neuen Leben, so sieht das aus. Und er erzählt ihnen was mit der aufgeregten Art von einem, den es nervös macht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, noch dazu muss er die Unterhaltung im Grunde alleine führen, denn die Eltern wollen nur hören und wissen, wie es geht (hören und wissen, dass es gut geht, unbedingt). Und wie genau ich das kenne und wie lange das schon vorbei ist, nie wieder werde ich meinen Eltern so gegenübersitzen, denke ich, das zumindest habe ich hinter mir.)

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