Mittwoch, 18. März 2015

Haben Sie fünfzig Cent


Haben Sie fünfzig Cent für was zu essen, ich habe gar kein Essen, sagt eine Frau auf der Straße zu mir, es klingt sorglos, heiter, fast albern, wie ein Kinderreim, der ihr nicht aus dem Kopf geht und den sie mit comicfigurenhaft verstellter Stimme aufsagt. Ich sortiere seit neuestem die 10- und 20-Cent-Münzen aus meinem Portemonnaie und bewahre sie in meiner Jackentasche auf, griffbereit, um jedem etwas zu geben, der mich anspricht, keine Unterschiede mehr machen jetzt, ich reiche der Frau ein paar Münzen, es sind nicht ganz fünfzig Cent, aber das scheint egal zu sein. Erst später erinnere ich mich an diese andere Frau, die mich mal am Kanal ansprach und die sagte, sie bräuchte Geld für ein U-Bahn-Ticket, ich gab ihr fünfzig Cent, und sie sagte, das würde aber nicht reichen, und ich sagte, mehr hätte ich nicht, was gelogen war, sagte, sie müsse halt noch jemand anderen fragen, so pädagogisch, dass ich mich heute dafür schäme, warum habe ich ihr nicht einfach das Geld für ein Ticket gegeben, fertig, und alles weitere nicht mein Problem. Jetzt sind Sie gefragt, steht im Brief vom Gasanbieter, der mich darauf hinweist, dass ich den Abschlag nicht komplett bezahlt habe, was daran liegt, dass mir die neu berechnete Abschlagshöhe nicht mitgeteilt wurde, aber klar, jetzt bin ich gefragt. Vollidioten, der Kernassi-Tonfall von dem Typen, der mir neulich den Kühlschrank hier hochgeschleppt hat, alleine, auf seinem Rücken, nachdem zwei seiner Kollegen zuvor an der Treppenhaussituation gescheitert und unverrichteter Dinge wieder abgezogen sind, aber das lag nicht am Treppenhaus, das lag daran, dass das Vollidioten waren!, achso?, na dann. Die Männerschritte des Nachbarn über mir, die Bässe der Nachbarin unter mir, dazwischen ich mit meinen Gedanken an die Erdbeeren, die ich in den Balkonkästen pflanzen will.

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