Sonntag, 31. Mai 2015

Das Brot vom Vortag

Und dann der Mann, der vor dem Brotregal im Kaisers am Kotti neben mir steht und auf den Korb deutet, in dem die Brote vom Vortag zum halben Preis liegen, die sind auch gut, sagt er, und kosten nur einszehn. Ja, die sind auch gut, sage ich, weil ich das wirklich glaube, Brot, zumal ungeschnittenes, wird ja nicht so schnell schlecht. Trotzdem nehme ich mir ein frisches Brot aus dem Regal. Und sogleich schießt mir durch den Kopf, was ich sagen könnte, müsste ich mich dafür verteidigen. Dass die Brote vom Vortag mir alle zu groß sind, oder dass ich genau das mit den Sesamkörnern haben will. Dabei muss ich mich gar nicht verteidigen. Ich möchte lieber ein frisches Brot. Brot vom Vortag für einszehn zu kaufen ist für mich eine Art von Sparsamkeit, die sich nach Armut anfühlt, und dieses Gefühl will ich nicht haben. Muss ich auch nicht, ich bin nicht arm. Warum mich der Mann auf die Brote für einszehn wohl hingewiesen hat? Weil er dachte, ich sehe die nicht? Weil er nicht versteht, warum irgendjemand ein Brot zum Normalpreis kaufen sollte, wenn das für einszehn auch gut ist? Dass ich gerade von einer Yogastunde komme, die im Einzelpreis siebzehn Euro kostet, das sage ich dem Mann natürlich nicht, dass ich wie die Gentrifizierung in Person vor kurzem in eine komplett sanierte Altbauwohnung gezogen bin, die fast doppelt soviel kostet wie vor der Sanierung. Überhaupt nichts sage ich zu dem Mann. An der Kasse steht er zufälligerweise wieder hinter mir, eine Packung Käse legt er noch aufs Band, auch billig, aber sicher auch nicht schlecht, und noch zweidrei Sachen, ein Einkauf für unter sechs Euro, schätze ich, und zahle, stecke meine plötzliche Beklemmung – das könnte dein Einkauf sein – weg, als wärs mein Portemonnaie, und gehe, das frische Brot in der Tasche.


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