Mittwoch, 10. Juni 2015

Und dann der Exkollege

Und dann der Exkollege, der längst woanders PR macht, aber trotzdem noch mal zum Mittagessen vorbeikommt, entspannt sei sein neuer Job, erzählt er, und dass er plane, einen Blog zu starten und damit zusätzlich Geld zu verdienen, er habe da so einen Artikel gelesen, fünf- bis fünfzehntausend Euro würden manche Blogger im Monat machen, fünfhundert Euro allein für eine auf Instagram hingehaltene Uhr, und das bei einer Followerzahl, wo er denken würde: Das bekomme ich auch noch hin. Und Freunde von ihm hätten einen Reiseblog gestartet, vor einem Jahr erst, und die würden jetzt schon überallhin eingeladen und um die ganze Welt jetten. Und worum solls auf deinem Blog gehen?, frage ich, Lifestyle, sagt er, Reisen, Essen natürlich auch. Natürlich, ich nicke, sehe den Blog schon vor mir, nettes Layout, tolle Fotos, locker geschriebene Texte, diese ganz spezielle Stimmung verströmend, die Lifestyle-Blogs nunmal verströmen, die Welt ist voller schöner Dinge, sagen sie einem, entdecke sie, entdecke dich selbst, vergiss nicht, wie kostbar das Leben ist, wie wertvoll jede einzelne Sekunde, genieße sie, konsumiere sie, los kauf das, kauf mir das ab. Das könnte ich auch, denke ich kurz, gleich hier mein Mittagessen fotografieren, einen geheimnisvollen, verführerischen Blognamen überlegen und den ersten Post verfassen, das eigene Leben, Kochen, Reisen einmal durch die kapitalistische Verwurstungsmaschinerie drehen, ohne Darm bitte, und die Pommes mit Mayo, und bald zeige ich für fünfhundert Euro irgendwelche Uhren in die Kamera, ja warum eigentlich nicht. Später beim Yoga hält die Lehrerin ihr iPhone hoch, ihr wisst alle, dass das ein iPhone ist, sagt sie, und was man damit machen kann, aber andere Menschen, aus Ländern, die technisch nicht so weit entwickelt sind, die wissen das nicht, und während ich noch rätsele, welche Länder sie da wohl konkret meinen mag (wahrscheinlich „Afrika“, haha, denke ich), leitet sie über zu: Seht ihr, die Dinge haben immer nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. Die Dinge an sich sind leer. Und so, sagt sie, sei es auch mit Menschen, denen wir begegneten, und dem, was uns geschehe, und ich denke, wenn mir jetzt aber ein Mensch begegnet, der mir seine Faust mitten ins Gesicht ballert, soll ich dem dann auch erst selber die Bedeutung geben? Und hat sonst jemand im Raum gerade noch solche Gedanken, oder finden alle anderen das nun wirklich erhellend oder bereichernd oder sonstwie inspirierend? Neulich hat eine andere Lehrerin erzählt, dass die Moleküle unserer Fußsohlen und die Moleküle des Bodens einander abstoßen würden, sodass wir im Grunde immerzu schweben, und dann denke ich, dass ich darüber mal einen Blogeintrag verfassen müsste: Was ich am Yoga zweifelhaft finde, und damit habe ich mich schon wieder rauskatapultiert aus der Sparte Lifestyleblogs und bin wieder hier.

Hier wenigstens ein Bild von dem Kokosdrink, den ich trank, während ich diesen Eintrag verfasste. Ja, ist lecker. Kokosdrinkhersteller können mich gerne kontaktieren.

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