Freitag, 5. Juni 2015

Und wovon


Und wovon brauchst du wirklich Urlaub, fragt Ingo, wir radeln nebeneinander her durch den Park am Gleisdreieck, vorhin im Unterricht habe ich verkündet, dass ich den Sommerkurs, der bei der Lehrerin privat stattfindet, nicht mitmachen werde, ich brauche mal Urlaub von der Sprache, habe ich gesagt, aber Ingo ist Psychologe und fragt nach. Ach, sage ich, es ist warm, der Himmel bewölkt und auf den Parkwiesen sitzen die Kids in kleinen Gruppen, so darf man sich also eine Jugend in Berlin vorstellen, denke ich, man trifft sich abends mit seinen Freunden im Park am Gleisdreieck, eigentlich auch von der Lehrerin, sage ich, die hat so was Trauriges seit zweidrei Monaten, so was dermaßen Trauriges, dass man denkt, vielleicht ist in ihrem Leben was passiert, jemand ist gestorben oder krank, jemand fehlt ihr oder etwas, jedenfalls macht ihr das mit uns keinen Spaß mehr, und mir auch nicht mehr mit ihr. Und auch vom Unterricht brauche ich Urlaub, von dem Gefühl, wenn ich fleißiger wäre, würde ich vielleicht vorankommen, aber ich bin nicht fleißig und komme nicht voran, es ist wie damals in der Schule. Wovon noch?, Ingo muss gar nicht fragen, ich setze die Aufzählung stumm alleine fort, von meinem Job brauche ich Urlaub, von der Langeweile und der Stupidität und der Arbeitswut, von meinen Kollegen, von der Frage, und was machst du heute zu Mittag, die mittlerweile jeden verdammten Tag gestellt wird, sogar vom Feierabend brauche ich Urlaub, davon, nach Hause zu kommen und erst mal gar nichts mit mir anfangen zu können. Ich brauche Urlaub von meiner Wohnung, in der immer noch die Umzugskartons zusammengefaltet an der Wand stehen, in der immer noch die nackten Glühbirnen von der Decke hängen, und von der Aussicht, dass das noch monatelang so bleiben wird. Und wovon wirklich?

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen