Montag, 14. September 2015

Noch ganz lange Zeit

Und dann der Typ, der am Kotti oben auf der Telefonsäule hockt mit einer Türkei-Fahne in der Hand, und der andere Typ, der sein Handy zückt, um ihn zu fotografieren, und wie die ganze Stadt immer noch voll ist von Elends-, Armuts- und Wahnsinnsmotiven, während wir einander erzählen, dass wir vor fünf Jahren eine richtig große Wohnung hätten anmieten sollen, damals, als alles noch nicht gar so teuer war, jaja, hätte hätte–
Aber das erzählen sich alle, sagt J., egal, wie reich, egal, wie groß die Wohnung schon ist, in der man wohnt, alle denken so. J., die schon zu Westberlin-Zeiten hierher gezogen ist, da sind meine zehn Jahre Hauptstadt natürlich nichts dagegen, J., deren Schwester gestorben ist und die mir davon erzählt, wie sie ihrem Sohn jetzt vorrechnen muss, wie alt sie ist, wie alt die Schwester geworden ist, wie viele Jahre dazwischenliegen, wie viele Jahre zwischen seinem Alter und dem der Schwester liegen, all das muss heruntergerechnet werden–
Und ich erinnere mich, wie ich als Kind die bange Frage an meine Eltern gestellt habe, sterbt ihr auch irgendwann?, und die Antwort, ja, aber bis dahin ist noch ganz lange Zeit–
Und L., der mir von dem toten Vogel im Kita-Garten erzählt, der auf einer Mauer balanciert, und ich sage: Aber bitte nicht runterspringen, ja?, und er sagt: Wenn ich da runterspringe, bin ich dann tot?

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