Montag, 19. Oktober 2015

Gelesen: Scheuer, Zeiner, Klemm

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel
Schmucklose Sprache an der Grenze zum Drögen. Ein in Afghanistan stationierter Soldat, der lieber Vögel beobachtet als alles andere. Und langsam verrückt wird. Erzählt hauptsächlich über die treulich im Soldatentagebuch wiedergegebenen Beobachtungen, während sich die Nebenstränge u.a. der früheren Freundin widmen. Erzählkonstruktion auf mehreren Ebenen, und wenn dann im Tagebuch auch noch die Telefonate 1:1 niedergeschrieben werden müssen, damit die Leserin wohlinformiert bleibt, dann rumpelt es mitunter im Romangetriebe. Auch waren mir einige Verwicklungen in der Vergangenheit allzu schicksalhaft gestaltet. Aber diese Soldatenseele hat mich dennoch sehr berührt.
Ein paar Sätze: „Ich zeichne die Tauben in ihren Umrissen auf gekörntes Papier, das etwas dicker ist als Klopapier. Die dunkleren Stellen wie Gefieder und Schatten schraffiere ich mit Bleistift, danach kennzeichne ich die Stellen, an denen das Gefieder glänzt. Ich koche in unserer kleinen Aluminium-Espressomaschine sehr starken Kaffee – ca. 4-5 Kaffeelöffel auf eine halbe Tasse Wasser. Sergej hat einmal aus Versehen von meinem Aquarellkaffee getrunken und gemeint, endlich mal richtiger Kaffee, nicht so eine wässrige Brühe wie in der Kantine.“
(Die Aquarellkaffee-Bilder von den Vögeln, die im Buch abgedruckt sind, haben mich auch berührt.)

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como
Urlaubslektüre. Gelesen, weil J. erwähnte, mit der Autorin befreundet zu sein, deswegen dem Roman auch eine grundsätzliche, unbeirrbare Sympathie entgegengebracht. Früher waren Tom und Marc beste Freunde und Marc und Betty ein Paar, sie strebten Berufungen an wie Pianist, Komponist, Sängerin. Heute klimpert Tom nurmehr in einer Worldjazz-Band, Betty ist Anästhesistin, und Marc ist tot. Tom und Betty bewegen sich aufeinander zu, dabei wird über das Jetzt räsoniert und an das Früher erinnert. War Marcs Tod Selbstmord? Und kriegen sich Tom und Betty am Ende? Solche Fragen trieben mich beim Lesen um. Ich mochte einige der geradezu aphoristischen Gedanken und originellen Bilder sehr in dem Buch, das Kippen von allzu bedeutungsvoll zu absurd nebensächlich. Über allem liegt so eine Art westdeutsches Wohlgefühl, schwer zu beschreiben, als würde mir immerzu jemand zuflüstern: Uns kann eigentlich nichts Schlimmes passieren. Mich hat das auf die Dauer etwas nervös gemacht, weil ich weiß, dass das nicht stimmt. Und weil ich als Leserin definitiv auf der Suche nach anderen Einflüsterungen bin.
Ein paar Sätze: „Dann wurde es still. Man hätte die Stille in Scheiben schneiden und auf ein Brot legen können, bevor fast gleichzeitig, nur leicht versetzt, Betty Morgenthal und Anne Hermanns „tja, also dann“ sagten. Etwas zu laut, etwas zu grell und nackt standen die Worte in der weiten leeren Akustik der Eingangshalle. Tom aber schwieg, zog mit seinem Bick eine Linie zwischen den beiden Frauen, die, wie ihm auffiel, genau gleich groß waren.“

Getraud Klemm: Aberland
Hier dann also ein Buch, das voll ist mit den oben erwähnten anderen Einflüsterungen, nur dass hier nicht geflüstert wird, ganz und gar nicht. Das Leben und die, die es bestreiten, werden beäugt und seziert, hinterfragt und bewertet abwechselnd von Elisabeth, die die Ich-Perspektive übernimmt, und ihrer erwachsenen Tochter Katharina, die personal erzählt wird. 15 Kapitel, zu deren Beginn immer eine Nachricht steht, eine Einladung zum Muttertagsbrunch, eine Verlobungs-, eine Todesanzeige. Das Leben, wie es sich für Frauen in meinem Milieu gestalten kann, wenn man, wie Katharina, junge Mutter mit liegengelassener Promotion ist und die mit dem Mann vereinbarte Arbeitsteilung von 50/50 doch nur bei 90/10 liegt, oder wenn man, wie Elisabeth, ebenso heimliche wie folgenlose Besuche bei der Scheidungsanwältin hinter sich hat und sich irgendwie arrangiert mit der großen Unlust. Ein Buch mit einer tiefen Furche zwischen den Augenbrauen, das mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt hat – wie beharrlich es seinem Thema folgt, wie es über alle Fallstricke des die-Figuren-lächerlich-Machens hinwegschreitet. Wie gut es konstruiert ist. Wie eine Wut fassbar wird, die sonst so selten Ausdruck findet. 
Ein paar Sätze: „Natürlich habe ich alles, was ich gewollt habe. Nur dass das, was ich gewollt habe, nicht viel war. Man ist bescheiden. Man ist am Buffet des Lebens schon auf Diät gewesen und hat sich für eine gedämpfte Zukunft mit salzlosen Lebensträumen entschieden.“
(Weitere Zitate sind gerade heute bei aufZehenspitzen erschienen.) 

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