Montag, 7. Dezember 2015

Gelesen: Kondo, Scholl, Bjerg

Marie Kondo: Magic Cleaning
Ein Sachbuch über richtiges Aufräumen, dessen Strategie sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Man mistet einmal gründlich aus, behält nur das, was einen glücklich macht, bestimmt für jedes Ding einen festen Ort und muss fortan NIE WIEDER AUFRÄUMEN. Sehr charmant von Dr. Monika Lubitz aus dem Japanischen übersetzt und trotz einiger Redundanzen unterhaltsam zu lesen. Warum der deutsche Verlag das Buch, auf das ich über US-Blogs aufmerksam geworden bin, mit einem Cover aus der Hölle versehen hat, ist mir ein Rätsel:
Für mich, die ich fest an das Leben der Dinge glaube und schon als Kind, wenn es ans Ausmisten ging, mit aufgerissenen Augen fassungslos fragte: „Weg-schmei-ßen???“ (so zitiert die Familie mich noch heute), eine sehr wertvolle Lektüre, ermutigt einen die Autorin doch, in einen Dialog mit den Dingen zu treten und sich durchaus auch mal bei ihnen zu bedanken, bevor man sich von ihnen trennt. Ist sicher nicht für jeden was, aber bei mir hat’s funktioniert. (Und was ist schon für jeden was.)
Ein paar Sätze: „Die stehende Aufbewahrung eignet sich für die verschiedensten Orte. Ich, zum Beispiel, liebe Karotten. Und lagere sie im Kühlschrank. In der Getränkehalterung der Tür. Ordentlich aufgereiht. Stehend!“

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns
Von einer Bekannten empfohlen bekommen, mehrmals begonnen, mehrmals wieder zur Seite gelegt, auch dann noch, als ich hineingefunden hatte und eigentlich begeistert war. Seltene Kategorie: Ist das Buch zu stark, bist du zu schwach. Hier wird Familiengeschichte beleuchtet, aber nicht mit den großen Bühnenscheinwerfern, sondern schlaglichtartig, in kleinen Episoden, mit einer präzisen, voraneilenden Sprache, konzentriert auf die Frauen, die Großmütter, die Mutter und Schwiegermutter, die Ich-Erzählerin, die schließlich selber Kinder bekommt, hineinschlüpft in „eine dritte Person: die Mutter“. Das Buch erforscht das Gefüge zwischen den Generationen, die ungefragt weitergegebenen Lasten, die Erwartungen an „die Mutter“, den Wunsch nach Selbstbehauptung und ist dabei stellenweise auf eine Art schonungslos, die sicher nicht brutal sein will, mich aber trotzdem mitgenommen hat – von dem Moment an, als die Hebamme der Erzählerin bei der Geburt eigenhändig den Muttermund aufreißt bis zu dem Tag, als die volljährige Tochter das Haus verlässt, um mit Freundinnen zu feiern: „Vor ihr gehörte ihr Körper nur mir und ich konnte über meine Zeit verfügen. Danach war der kleine Mensch in meinem Leben, mit mir, ständig, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Stunde für Stunde, Minute für Minute stand ich mit allem, was ich war, für ihn ein. Keine Sekunde konnte ich keine Mutter mehr sein. Nun fühle ich, Lila hat meinen Körper hinter sich gelassen. Und ich bin leer. Eine Hülle, in die nichts mehr gehört. Unten läutet es. Ich drücke den Buzzer. Mein Sohn kommt heim, mein Körper macht sich auf, erneut Mutter zu sein, Mutter mit einer leeren Stelle, dort, wo die Tochter seit ein paar Minuten fehlt.“

Bov Bjerg: Auerhaus
Nachdem Frieder versucht hat, sich umzubringen, ziehen der Ich-Erzähler und zwei Freundinnen, die alle kurz vorm Abitur stehen, mit ihm zusammen in ein Haus. Es ist die Zeit, in der ein Walkman noch das genialste Geschenk für die kleine Schwester war. Als es Westberlin noch gab. Und Jungs noch gemustert wurden. Das Setting so nostalgisch, die Stimmung so ruppig und zärtlich, wie es ein bisschen typisch ist für das Genre, Coming-of-Age, das mich immer auch daran erinnert, wie genial ich mich selber in dem Alter fand, nie größer, nie klüger gewesen als damals, quasi unbesiegbar.
Ein paar Sätze: „Cäcilia hatte mal gesagt, die Ehe ihrer Eltern sei „gescheitert“. Ich fand das einen total bescheuerten Ausdruck. Cäcilias Eltern waren zwanzig Jahre verheiratet gewesen, und dann hatten sie sich eben scheiden lassen. Zwanzig Jahre, das war länger, als Cäcilia überhaupt auf der Welt war! Zwanzig gescheiterte Jahre? Dann musste man ja jedes Leben, das mit dem Tod endete, gescheitert nennen. „Da er im Altern von 100 Jahren sanft entschlief, war sein ganzes Leben gescheitert.““

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen