Dienstag, 5. Januar 2016

Am Cuccis-Stand, Alexanderplatz

fragt ein Mann, der schon da stand, als ich meinen Cappuccino bestellte, und der aber eine abwehrende Handbewegung machte, als der Verkäufer fragte, wer als nächstes dran sei, der große, massige, männliche, sanfte Verkäufer, der immer fragt, ob ich Kakao auf meinen Cappuccino haben will, und der mir meinen Cappuccino – ohne Kakao – schon hingestellt hat, diesen Verkäufer fragt der Mann also auf Englisch, ob er Urdu spreche? Nein, sagt der Verkäufer auch auf Englisch, er komme von hier, er sei hier geboren. Erst dann sagt er, er spreche Tamil, aber. Work?, der Mann fragt nach Arbeit. Kitchen?, es müsse doch irgendwo eine Küche geben hier, natürlich, denke ich, all die belegten Brötchen und Baguettes müssen irgendwo zubereitet werden, es fällt mir, und ich schäme mich, wie Schuppen von den Augen, irgendwo steht jemand und schmiert all diese Brote. Und dann sagt der Verkäufer auch noch, ja, unten, irgendwo in den Eingeweiden des U-Bahnhofs Alexanderplatz gibt es also eine Cuccis-Küche, denke ich, aber mit der Frau dort könne der Mann nicht reden, sagt der Verkäufer, she doesn’t even speak german, der Mann solle den Chef des Verkäufers anrufen, hier sei seine Nummer. Ich steige in die U-Bahn mit meinem Cappuccino in der Hand, ich denke an den Verkäufer, er hier geboren wurde und, soweit ich weiß, Deutsch, Englisch und Tamil spricht, an den Mann, der, soweit ich weiß, Englisch und Urdu spricht und Arbeit sucht, und die Frau in der Cuccis-Küche, über die ich nichts weiter weiß als dass sie nicht mal Deutsch spricht, und würde ich zum Pathos neigen, was ich ja tue, würde mein Cappuccino jetzt plötzlich bitter schmecken, nur für diesen kleinen Text, aber das tut er natürlich nicht, ich steige aus, an der Bushaltestelle die beiden schweigenden Frauen mit den Erwachet!- oder Wachtturm-Heftchen in der Hand, ich weiß es nicht mal so genau, vor dem Gemüseladen fegt einer den Schnee weg, in meiner Wohnung ist es warm und so weiter, und so weiter.

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