Dienstag, 2. Februar 2016

Gelesen: Shipstead, Friedrichs, Kuckart

Maggie Shipstead: Dich tanzen zu sehen
Ein Roman, der in der Ballettwelt spielt. Juchu! Ähem. Bevor Joan Mutter wurde, war sie mal Tänzerin, bevor Joan Mutter wurde, hat sie mal einem russischen Ballettstar (den sie sehr begehrt hat) zur Flucht in die USA verholfen, bevor Joan Mutter wurde, hat sie Jacob geheiratet, den sie seit der Jugend kennt (und nie begehrt hat), und wie sich herausstellt (Achtung „Spoiler“), ist natürlich Arslan und nicht Jacob der Vater von Joans Sohn, und wie sich herausstellt, ist dieser Sohn tänzerisch unglaublich talentiert, und wie sich herausstellt, wird Arslan am Ende mit der Frau, die als Kind bei Joan in den Ballettunterricht gegangen ist, glücklich usw. usf., es ist leicht, sich über die Vorhersehbarkeit, die Melodramatik lustig zu machen, dabei ist es schwer, so eine Geschichte zu komponieren mit all den Zeitebenen und dem ständigen Wechsel zwischen selbigen und all dem Personal und all den Ballettvideos auf YouTube, die sich die Autorin, so las ich irgendwo, zu Recherchezwecken angeschaut hat, und es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, dass man solche Bücher hin und wieder ganz gerne liest, weil sie sich eben einfach so weglesen lassen, weil sie unterhaltsam sind, weil sie nicht viel Raum beanspruchen im Geist und man sich in dem selbstgefälligen Gefühl suhlen kann, sich unter seinem Niveau zu amüsieren. Trotzdem den Vorsatz gefasst, mich in 2016 wieder vermehrt „wertvollerer“ Lektüre zu widmen.

Julia Friedrichs: Wir Erben
Untertitel: „Was Geld mit Menschen macht“, vielleicht ein bisschen verfehlt, denn worunter viele der in dem Buch porträtierten Erben leiden, ist offenbar eher, dass sie besagtes Geld nicht selbst verdient haben (der Kapitalismus, der alte Schlawiner). Dieses Etwas-verdient-haben schiebt sich seit geraumer Zeit ergebnislos in meinem Kopf hin und her, denn die Tatsache, wie wenig jeder einzelne Mensch es „verdient“ hat, in welche Verhältnisse auch immer überhaupt hineingeboren zu werden, hält die Menschheit ja nicht davon ab, immer weiter die Legende von Glückes Schmied, der wir angeblich alle selber sind, zu erzählen. Ich mag Julia Friedrichs persönlich gefärbte Art zu schreiben (Beispiel Kapitelüberschrift: „Ich werde immer so müde, wenn ich ins Jakob-Kaiser-Haus gehe“), bin ihr auch ganz gerne zu den Porträtierten gefolgt, aber meinte auch zu merken, wie ihr und damit dem Buch irgendwann die Luft ausgeht und sich die Lethargie der Verhältnisse über die Lektüre legt (Beispiel Kapitelüberschrift: „Ich werde immer so müde, wenn ich ins Jakob-Kaiser-Haus gehe“), ein paar haben Geld und schützen es und sich selbst gut, andere wiederum haben keins und können bloß an Türen klopfen, die ihnen für immer verschlossen bleiben werden, und die Politiker in besagtem Jakob-Kaiser-Haus stützen auch nur müde ihren Kopf in die Hand.

Judith Kuckart: Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück
Elf Geschichten, die lose miteinander verbunden sind durch ihr Personal, z. B. die Schauspielerin, die in Polizei-Uniform kostenlos Zug fährt und sich eine Tochter erfindet, oder der Sohn des Klavierlehrers, der einst zwei seiner Schülerinnen umgebracht hat; Figuren, die im Leben herumstehen und oft überhaupt nicht wissen, was sie da eigentlich sollen, die in ihre Abschiedsbriefe schreiben, jemand möge bitte noch die Pfandflaschen wegbringen, und die keine Antwort geben, wenn sie gefragt werden, wovor sie Angst haben – Figuren also, für die ich die größten Sympathien habe. „Als ich weiterging, sah ich, der Sommer bekam bereits braune Ränder“, so lautet der letzte Satz des Buchs und als ich es zuklappte, hatte ich das Gefühl, es eigentlich gleich wieder aufklappen und es noch einmal lesen zu müssen, aufmerksamer, genauer, um wirklich zu verstehen, wie nun alles mit allem zusammenhängt, die Figuren, die Episoden, die sich wiederholenden Anspielungen. Aber weil ich keine unaufmerksame, ungenaue Leserin bin, und weil ich dieses Gefühl von Kuckart-Büchern schon kenne, habe ich es nicht getan. Ich denke, es soll so sein. Es bleibt immer ein Rätsel zurück, etwas, das sich einem entzieht, weil Judith Kuckart eben stets sozusagen an den braunen Rändern des Geschehens entlangerzählt, die Mitte, das Eigentliche umkreisend. Das muss man mögen. Mich macht es auch immer ein bisschen nervös.

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