Dienstag, 9. Februar 2016

Gelesen: Ferrante, Berg, Lueken

Elena Ferrante: Die Frau im Dunkeln
aus dem Italienischen übersetzt von Anja Nattefort
„Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen“, sagt die Erzählerin zu Beginn des Romans. Und dann erzählt sie doch, ganz einfach, wie es scheint. Wie sie, Uniprofessorin und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, alleine Urlaub am Strand macht. Wie sie dort jeden Tag eine neapolitanische Großfamilie beobachtet, gleichzeitig genervt und fasziniert. Und es sind ganz einfache Sätze – „Die Puppe hatte ich, sie lag in meiner Tasche“ – bei denen man beim Lesen plötzlich einen Schreck bekommt. Denn mit dieser Puppe hat das Großfamilien-Kind am Strand immer gespielt, diese Puppe wird nun vermisst und verzweifelt gesucht. „Ich war so traurig in jenen Jahren“, erinnert sich die Erzählerin an die Zeit, als ihre Kinder noch klein waren. „Arbeiten konnte ich nicht mehr, mein Körper fühlte sich leblos an, ohne jedes Begehren. (…) Alles in jenen Jahren schien mir hoffnungslos, ich selbst war hoffnungslos.“ 
Präzise und unsentimental beschreibt die Erzählerin ihre inneren Regungen – all die unbestimmten Sehnsüchte, „die ganze Wut von damals“ (und heute) – ohne sie jemals wirklich fassen zu können. Und am Faden dieser Wahrnehmung, dieser Haltung sich selbst und der Welt gegenüber hängt „ein ganzes Metaphern-Mobile des Verschwindens, Verlierens, Wegnehmens und Verlassens“, wie Till Raether schreibt, über dessen ausführlichen, sehr lesenswerten Blogeintrag ich auf die Autorin aufmerksam geworden bin.
Warum nur sind die Bücher von Elena Ferrante, die in anderen Ländern zu Bestsellern geworden sind, in Deutschland allesamt vergriffen? Doch bitte nicht, weil sie von Frauenleben handeln – und in diesem Fall von einer Frau, deren Verhalten und Gefühle nicht der gesellschaftlichen Standard-Formatvorlage entsprechen (der Klappentext spricht tatsächlich von „einer Frau, die sich nur schwer ihr Versagen als Mutter und Ehefrau eingestehen kann“, was ich für diskussionswürdig halte).
Bester Roman seit Langem jedenfalls. Ob ich jetzt warte, bis die Romanreihe „L’amica geniale“ hoffentlich im Herbst auf Deutsch erscheint, oder die Bücher auf Englisch lese? Hm.

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
Ich mag Sibylle Berg, von Weitem und auf Verdacht, seit ich „Ein paar Menschen suchen das Glück und lachen sich tot“ gelesen habe, das muss wohl, oha, 1997 gewesen sein. Aber einen Roman von ihr habe ich lange nicht mehr gelesen, weil ich diesen All-die-Menschlein-und-ihr-Streben-nach-Glück-dabei-müssen-wir-doch-alle-sterben-Stil auf die lange Strecke nicht so gut haben kann. „Der Tag, …“ tauchte in einer 2015-Buchliste einer Bloggerin meines Vertrauens auf (blöd, dass ich mir nicht gebookmarkt habe, wer das war), und da dachte ich, vielleicht sollte ich es noch mal versuchen. Und ja, das Buch ist schnell gelesen und durchaus unterhaltsam. Aber unterm Strich haben mich die Figuren nicht wirklich interessiert, fand ich das alles so unendlich vorhersehbar: Der Theatermacher und seine Frau in ihrer leidenschaftslosen Liebe zueinander und der Masseur, der für sexuellen Rausch einstehen muss (aber, wie wir am Ende erfahren, auch Gefühle hat, herrje), das Milieu, in dem die Geschichte angesiedelt ist, das Mittelmaß und der Überdruss, das Leiden an sich selbst, an der großen Ödheit, das ewige Seufzen zwischen den Zeilen.

Verena Lueken: Alles zählt
Rätselhaftes Büchlein über eine namenlose Protagonistin, die zum dritten Mal in ihrem Leben an Lungenkrebs erkrankt. Da ist sie gerade in New York und bleibt auch dort, um sich operieren zu lassen. Dieser erste Teil des Buchs mit den Krankenhausszenen, den Erinnerungen der Protagonistin vor allem an ihre Mutter, zu der sie eine sehr innige Beziehung hatte, den literarischen und filmischen Querverweisen hat mir sehr gut gefallen. Der zweite Teil spielt in Frankfurt und widmet sich dem Erleben der Schmerzen, die sehr eindringlich geschildert werden, aber ich hatte den Eindruck, dass die im ersten Teil so präzise Sprache hier zerfasert, repetitiv wird, vielleicht war das auch als Stilmittel bewusst gesetzt, aber mich hat das beim Lesen eher rausgekickt als reingezogen. Vollends ratlos hat mich dann der dritte Teil zurückgelassen, in dem die Protagonistin der Erinnerung an einen Masseur (der ihr einstmals sagte: You are kind) folgend nach Burma reist, dort einen Arzt kennenlernt, seiner Lebensgeschichte lauscht und letztlich von ihm aufgefordert wird, mit ihm in die Berge zu reisen, wo er eine Krankenstation errichten will. Ahja. Schön übrigens die Berg-Lueken-Parallele mit der Figur des Masseurs, die mir jetzt erst auffällt, man möchte sagen: „Der Masseur als Projektionsfläche in der zeitgenössischen Literatur“, und eine Hausarbeit darüber schreiben, aber man studiert ja leider keine Literaturwissenschaften und hat es in seinem Leben nur zwei Semester lang getan.

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