Dienstag, 22. März 2016

Gelesen: Kippenberger, Keun, Schimmelpfennig

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie – Jessica Mitford und ihre Schwestern
Ach, wie lange habe ich an diesem Buch herumgelesen, über ein Jahr lang bin ich immer wieder eingetaucht in die Lebensgeschichte von Jessica Mitford, die 1917 als fünfte von sechs britischen Upper-Class-Schwestern geboren wurde und später als politische Aktivistin und Autorin in den USA lebte. Es ist Susanne Kippenberger gut gelungen, eine (man kann es nur ahnen) schier unüberschaubare Menge an Recherchematerial zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Sehr nett, vielleicht schon fast ein bisschen zu nett schreibt sie über die exzentrische, engagierte, eigensinnige „Decca“, was die Lektüre unterhaltsam, ja geradezu kurzweilig macht, mich aber leider nie richtig gepackt hat.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen
Das kunstseidene Mädchen – das sind wir!, sagte K. mal zu mir, und als S. das Buch dann neulich auch erwähnte, wusste ich, dass ich es jetzt endlich mal lesen muss. 1932 wurde der Roman erstveröffentlicht, er spielt in den 1920ern in Berlin: Hierhin geht Doris, die Ich-Erzählerin, um „ein Glanz“ zu werden, was irgendwie berühmt, begehrt und reich bedeutet. Zwecks Vermeidung von Erwerbsarbeit, oft auch zwecks Erotik hangelt sich Doris von diesem zu jenem Mann („Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus“) – auch dann noch, als es überhaupt nichts Glanzvolles mehr hat. Das ist alles sehr wahr, sehr witzig, sehr wunderbar. Wenn auch die Zeiten, da ich ein kunstseidenes Mädchen gewesen sein soll, schon so lange zurückliegen, dass ich mich kaum noch an sie erinnern kann.

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Nach Ende der Lektüre notierte ich mir (eigentlich nicht für den Blog, deswegen minimal wirr): „Ich mochte das Schimmelpfennig-Buch, wie kalt es war, wie traurig es war, dass es Zärtlichkeit gab und Gewalt, dass es den Chilenen gab, der nur Geschichten erzählte und eigentlich gar kein Chilene war, und dass es einen Polen gab, der Angst vorm Alleinsein hatte, und eine vom Leben enttäuschte Mutter, die ihre Tochter schlug und wie die dann wegrannte, und wie die Tochter einer andere Mutter deren Tagebücher verbrannte, und wie die Straßen alle so genau benannt waren, und wie da der Wolf war, der einsame Wolf, natürlich, und wie das im Klappentext (ich lese Klappentexte immer als Letztes von einem Buch, ich finde, Klappentexte verraten zu viel und auch das Falsche, schlagen den falschen Ton an) erwähnt wird, aber im Text gar nicht diese dämliche Eindeutigkeit bekommt, die man erwarten könnte, ich mochte die Konstruktion, und wie der Förster einfach starb und tot war und vorher noch Angst hatte, er könne es nicht schaffen, und wie der Mann und sein Bruder tranken, und wie der Alkoholiker sagte, wer sagt denn, dass ich da bin, und wie alles, fast alles, ineinandergriff und sich verwebte, zu einem Teppich mit Löchern, mit Brandflecken, einem ausgetretenen Teppich, einem Fußabtreter, einem Teppich von Berlin. Ich mochte, dass die Figuren teils nur Marionetten waren, dass die Figuren komisch waren aber nicht allzu, ich mochte das alte Pärchen da unten, die ihre Wohnung nicht verließen, das uralte Männlein und sein Weib, und wie es in ihrer Wohnung stank, und wie die Leute zueinander sagten: Du kannst mit mir kommen, du kannst hier bleiben, und wie ich mir dieses Lebensgefühl immer gewünscht und es nie gefunden habe, in Berlin nicht, nirgends. Und wie man nicht weiß, was aus allen wird, und wie weh das tut, und wie es eben am Ende kein großes Bumm gab, kein großes Finale mit Auflösung und Zusammenführung und was weiß ich, sondern wie man sich vorstellen kann, dass diese episodische Struktur immer so weitergeht und wir alle durch diese oder jene Episode miteinander verbunden sind.“
Kurz: Ich mochte das Buch.

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