Donnerstag, 3. März 2016

Nichts was zu tun

Hotel Berlin, from the New York Public Library
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Es bleibt jeden Tag ein bisschen länger immer noch hell, denke ich, auf dem Fahrrad gen Sprachunterricht strampelnd, der Himmel über mir Hellblau und Rosa (die Farben der Saison, ach was, des ganzen Jahres), der Satz wie schlecht ins Deutsche übersetzt. Im Leben manchmal es ist traurig und schmerzt und es gibt nichts was zu tun, noch so ein Satz, diesmal wirklich aus einer Übung, die wir als Hausaufgabe aufhatten. Es gibt nichts was zu tun. So einfach. So wahr. So schwer zu ertragen.
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Wie viele Schauspieler jetzt Bücher schreiben, sagt G., der selber Schriftsteller ist, ich hätte ja nichts dagegen, sagt er, mal eine Rolle im Theater zu übernehmen, den Hamlet vielleicht, ich denke, ich werde an der Schaubühne mal anfragen, was da möglich ist.
Als ich ihn neulich traf, um mir mit ihm einen Film auf der Berlinale anzuschauen (Wir haben uns so lange nicht mehr getroffen!, sagte G. am Telefon. Willst du dich nicht mehr mit mir treffen, dann sag es gleich, dann leg ich wieder auf!, worüber ich, wie mir jetzt auffällt, nur deswegen lachen musste, weil G. sich zu hundert Prozent sicher sein kann, dass ich mich jederzeit mit ihm treffen würde; ein Prozent Unsicherheit hätte das Ganze schon irgendwie unangenehm gemacht), als ich ihn also neulich traf und zur Begrüßung umarmte, roch er wie eben erst aus dem Bett gefallen – nach verbrauchter Luft, Bettwäsche, die mal gewechselt werden müsste, und Träumen, an die man sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann. Als bräuchte er jetzt erst mal einen Kaffee. Dabei war es schon sechzehn Uhr. Und ich hätte G. als patenten Familienvater nicht mal einen Hauch dieser Verlottertheit zugetraut, die er in dem Moment verströmte. Lass uns noch was essen gehen, sagte G. nach dem Film („Rafi Pitts gehört zu den großen Mysterien des Berlinalewettbewerbs der Ära Kosslick. „Soy Nero“ ist bereits sein dritter Film, der um den goldenen Bären konkurrieren darf. Ein auch nur halbwegs gelungener war bislang nicht darunter“), in irgendeins dieser seelenlosen Restaurants hier.
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Seelenlos, ein Wort, das mir gestern wiederbegegnete. Ich gehe nie zu Aldi, sagte I., als wir vom Sprachunterricht wieder nach Hause radelten, ich finde die Läden immer so seelenlos. Dabei sind wir früher mit der Familie oft dorthin, sogar Brot haben wir bei Aldi gekauft, erzählt er und ich sage: Ja, wir auch, als wir noch klein waren und die Eltern wirklich sparen mussten, haben wir dort immer Großeinkäufe gemacht, meine Mutter mit dem Auto und die Kassiererin, die denselben Vornamen hatte wie ich und wie ich mich an der Kasse, vorne im Einkaufswagen sitzend, manchmal schlafend stellte, weil mir diese Kassiererin nicht wirklich sympathisch war, all diese Erinnerungen sind auf einmal wieder da. Aber das hat nicht dazu geführt, dass ich irgendwelche sentimentalen Gefühle habe, wenn ich einen Aldi betrete, sage ich zu I., er lacht. Guten Hummus soll es im Aldi geben, hat uns eine andere Sprachkursteilnehmerin erzählt.
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Seelenlos. G. und ich sind dann in den PizzaHut gegangen, und es hat uns gut geschmeckt. 

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