Donnerstag, 7. April 2016

Gelesen: Petrowskaja, Winnemuth, Spät

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther
Einen großen Erzählbogen zu spannen ist überhaupt kein zeitgemäßes Konzept mehr, scheint mir. Wir müssen, siehe Schimmelpfennig, siehe Kuckart, siehe eben auch Petrowskaja, in Episoden und Fragmenten erzählen, mit losen Fäden und offenen Enden. Und wir müssen dabei, scheint mir, überhaupt gar keine Gewissheiten haben. Was sollen das eigentlich sein, Gewissheiten? Leseempfehlung für das Buch, in dem die Autorin ihrer Familiengeschichte nachgeht, die sich für den Blog nicht tumb in zweidrei Sätzen zusammenfassen lässt (mehr auch zur Autorin hier).

Meike Winnemuth: Das große Los
Das ist der Stoff, aus dem die Bestseller sind: Journalistin gewinnt 500.000 Euro bei „Wer wird Millionär“ und macht daraufhin eine Weltreise, jeden Monat verbringt sie in einer anderen Stadt. Flott geschrieben, ich hätte mir allerdings mehr Erlebnisse und Schilderungen von unterwegs gewünscht als immer wiederkehrende Reflektionen darüber, was das Reisen mit der Autorin „macht“.

Patrick Spät: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch
„Fragt sich jetzt, ob das genial oder total bescheuert ist“, sagte ich zur Buchhändlerin, als ich das Buch an der Kasse liegen sah. „Ich glaube, es ist gut“, sagte sie sanft, „sonst würden wir es nicht immer wieder nachbestellen.“ Also mal mitgenommen und schnell durchgelesen, schließlich hatte ich gerade keine Arbeit, d.h. meinen letzten Auftrag abgeschlossen und noch keinen neuen in Aussicht, was die unter Freelancern sicher allseits bekannte Weltuntergangs-Panik zur Folge hatte („Ich werde nie wieder einen Auftrag bekommen!“). Da kam dieser tatsächlich sympathisch geschriebene Aufruf zu mehr Müßiggang gerade recht. Dochdoch, es lohnt sich, die allgemeine Vergötterung der Erwerbstätigkeit mal zu hinterfragen. Allerdings ist es auch ein unglaubliches Privileg, wie in meinem Fall mal für zwei Wochen (so lange hat es gedauert, bis der nächste Auftrag da war) auf Arbeit verzichten zu können. „Die meisten Geringverdiener können es sich ja noch nicht einmal leisten, in Teilzeit zu arbeiten“, stellt auch der Autor fest, allerdings erst im letzten Kapitel. Lösungsansätze wie 30-Stunden-Woche und bedingungsloses Grundeinkommen in allen Ehren, aber ich habe immer noch nicht ganz verstanden, warum auch ich mich von den Mühlen des Kapitalismus nur allzu leicht zermahlen lasse. Bei der Lektüre zum ersten Mal gelacht auf S. 21: „Beim Kaffeeautomaten (…) unterhielt ich mich mit einer jungen Kollegin. Sie sagte zu mir: „Ich gehe in meinem Job voll auf.“ O ja, ich auch: Ich zerfalle in meine Einzelteile, ich atomisiere mich, ich gehe nahtlos ins Nirwana ein, ich harmonisiere mich mit der völligen Inhaltsleere.“

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