Montag, 18. April 2016

Reisenotizen

Wie lange der Bus wohl ins Zentrum braucht?, fragt mich die Frau neben mir, ich schätze, 15 bis 20 Minuten, aber genau weiß ich es nicht. Auch zum ersten Mal in Barcelona?, fragt sie. Ja, sage ich. Exciting, sagt sie. Yes, sage ich. Dass sie aus Schweden kommt, erzählt sie mir dann noch, und dass ihre Tochter hier leben würde, ein Baby bekommen habe vor sieben Monaten, sie würde es jetzt zum ersten Mal sehen. All my children live far away, sagt sie. That’s nice, sage ich und denke, dass es somehow auch sad ist. Ob ich denn auch jemanden kennen würde in der Stadt? Nein, sage ich, ich bin einfach nur so hier. Um mir die Stadt anzuschauen. Ach was? Der Frau scheint das ein wenig merkwürdig vorzukommen, und mir mit einem Mal auch.
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„Tourism kills the city“, steht auf einem Aufkleber in der Metrostation, bei der ich raus muss, und in der Straße, in der wir wohnen, hat jemand „Tourists go home“ an eine Häuserwand gesprayt. Beim Spaziergang durch das sehr nette Viertel kommen wir an einer Art autonomen Zentrum vorbei, das per Schaufensteraushang auch auf Englisch über die Entwicklung der Stadt informiert. Dass die inzwischen abgewählte Regierung die Stadt in einen fucking Lunapark verwandelt habe, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Dass den Bewohnern nichts anderes übrig bleibe, als schlecht bezahlte Servicejobs oder Sexarbeit zu machen. Wir füttern euch, wir füllen euch ab, wir wischen eure Pisse weg und wir – warum sagen wir es nicht ganz offen – ficken euch, also was könnt ihr tun? Erzählt zu Hause nicht allen, in was für einem netten Viertel ihr da gewohnt habt. Äh, okay. Der Aufkleber in der Metrostation ist ein paar Tage später wieder verschwunden, und auch das „Tourists go home“ wird schnell übermalt.  
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Unser Airbnb-Apartment ist mit Familienfotos, scheinbar an der Garderobe vergessenen Kleidern und Schminktäschchen im Bad so persönlich eingerichtet, als würde die Besitzerin es uns tatsächlich bloß untervermieten, während sie selbst auf Reisen ist. Eine Illusion, typisch Airbnb: Am Kühlschrank kleben zahlreiche Dankes-Zettelchen von früheren Gäste, die Daten reichen bis zu drei Jahre zurück, drei Jahre, in denen diese Wohnung wahrscheinlich so oft vermietet wurde, wie es nur ging, und in denen sich eine seltsame Seelenlosigkeit hier eingeschlichen hat, die das ganze Authentizitäts-Gefimmel als Attrappe enthüllt. Der Gedanke daran, bei der nächsten Reise eine tatsächlich seelenlose Ferienwohnung zu mieten, um sich über diesen „Authentizität als höchster Wert, Authentizität als Fiktion“-Scheiß, der unsere Generation zerstört hat, nicht mehr nachdenken zu müssen.
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Suchbild mit Papagei
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Hoch oben im Park Güell stehend, die Stadt überblickend, einem Gitarrenspieler lauschend, der hier seine kleine Anlage aufgebaut hat und wehmütig singt, darüber, wie er nachts wach liegt und nicht weiß, was er tun soll, so viel Spanisch verstehe ich gerade noch. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt, so genau, als lägen die Zeiten des Garnichtweiterwissens keine Jahre, sondern erst Wochen zurück, und als ich dem Gitarrenspieler ein paar Euros in seinen Gitarrenkoffer lege und seinen müden Blick auffange, ahne ich, dass es ihm ganz ähnlich geht.
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In der Sagrada Familia ausgerechnet von der Stimme des Audioguides aufgefordert zu werden, den Audioguide doch mal Audioguide sein zu lassen, die Kopfhörer abzunehmen, einen Moment innezuhalten, ganz egal, ob ich religiös sei oder nicht.
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Es ist verboten, von den „blanket salesmen“ etwas zu kaufen, verkündet ein Schild an der Hafenpromenade. Auf ihren großen Decken bieten die salesmen Sonnenbrillen, Turnschuhe und Souvenirs an, mit uns schlendern zwei Polizisten die Promenade entlang, und wie können zusehen, wie ein salesman nach dem anderen einpackt, die Decken verwandeln sich in riesige Säcke, die die salesman auf dem Rücken tragen, während sie weiterziehen.
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Wir fahren mit dem Touristenbus, machen eine Touristenführung mit, liegen am Touristenstrand und erkennen Deutsche auf Anhieb als Deutsche, was im Umkehrschluss ja wohl heißt, selbst auch auf Anhieb als Deutsche erkannt werden zu können. Aber dass man diesen Deutschen dann auch noch mehrmals über den Weg laufen muss, ist doch irgendwie verhext. Das ältere Paar, das sich im Café vom Miro-Museum zu uns gesetzt hat, kommt uns am nächsten Tag beim Spaziergang durch Barceloneta wieder entgegen, das junge Dreier-Gespann, das auf der Placa del Sol am Nebentisch saß, taucht anderntags am fast fünf Kilometer langen Strand genau an dem Fleckchen auf, das wir uns ausgesucht haben.
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Schatten werfen keine Schatten

2 Kommentare:

  1. am montag, 18. april, in einem lokal in rom zu abend gegessen. mich darüber gewundert, warum ich mich innerlich gefreut habe, bei der bestellung für eine italienerin gehalten worden zu sein. diese grotesken reisebeobachtungen an mir selbst ... barcelona, wie schön! und dann denke ich (somehow auch sad) immer an iñárritus film biutiful.

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    1. Biutiful hab ich gar nicht gesehen – hole ich nach :-)

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