Mittwoch, 4. Mai 2016

Erinnerungen an mein früheres Leben: Doktor P.

Doktor P. ging zum Rauchen immer in den Keller; in die Tiefgarage unter dem ambulanten OP-Zentrum, das ihm gehörte und dessen Räume er, nach Bedarf auch mit Personal, an Ärzte verschiedenster Disziplinen vermietete, die dort allerhand Eingriffe durchführten: Fettabsaugungen, Abtreibungen, Grauer Star. Zu einem dieser Ärzte und seinem Team gehörte auch ich. Ich saß an „unseren“ OP-Tagen an der Rezeption des OP-Zentrums, begrüßte „unsere“ Patienten, bereitete sie auf ihre OP vor und verabschiedete sie danach wieder; medizinische Kenntnisse brauchte ich dafür nicht.
Doktor P. war Anästhesist; nicht das anspruchsvollste aller Fachgebiete, wie man sagt. Weil „unsere“ Patienten keine Vollnarkose brauchten, hatte ich mit ihm nicht viel zu tun. Aber natürlich war er immer präsent, führte Anästhesie-Aufklärungsgespräche mit den Patienten anderer Ärzte und stand oft selber mit im OP-Saal. Oder eben im Keller, um zu rauchen.
„Guten Tag, ich hab hier heute einen Termin“, so was in der Art sagten die meisten Patienten, wenn sie an die Rezeption traten, ganz als müsste man wissen, wer derjenige sei und um wie viel Uhr der Termin. „Sie müssen mir schon auch Ihren Namen sagen!“, hatte mich eine Sprechstundenhilfe einst angefahren, als ich mich ähnlich wurstig an der Rezeption gemeldet hatte. „Der steht Ihnen schließlich nicht auf die Stirn geschrieben!“ Mir war es wichtig, immer freundlich zu bleiben. „Sagen Sie mir bitte einmal Ihren Namen? Ja, schön, dass Sie da sind! Haben Sie den Aufklärungsbogen dabei?“
Weil ich zu jedem Patienten dasselbe sagte, jedem dasselbe erklärte und mir irgendwann nicht mehr sicher war, wem ich was schon gesagt und erklärt hatte, gewöhnte ich mir ein andauerndes „Wie gesagt“ an. „Das sind wie gesagt die Schmerztabletten, die Sie wie gesagt dreimal am Tag nehmen müssen …“ Das Gute war, dass sich „unsere“ Patienten alle auf das Ergebnis der OP freuten, und es war schön, mich ein bisschen um sie kümmern zu können, an einem für sie doch recht aufregenden Tag.
Mit zehn Euro die Stunde kam mir der Job fürstlich bezahlt vor. Ich hatte ihn von einer Freundin übernommen, die in Germanistik promoviert hatte, wiederum über einen Bekannten an der OP-Rezeption gelandet war und es dort nur zwei Monate ausgehalten hatte. Im Gegensatz zu mir, ich blieb fast zwei Jahre lang dabei. Damals verstand ich mich selbst noch als Künstlerin, aber leben, nein leben konnte ich davon natürlich nicht. Einen seltsamen Nebenjob zu haben war ebenso Notwendigkeit wie Teil der Selbstinszenierung.
Meine drei Kolleginnen hingegen, die in Vollzeit angestellt waren, gingen ihrer Arbeit mit der miesen Laune von Menschen nach, die keinen Gedanken daran verschwenden, dass der eigene Job etwas ist, das Spaß machen oder gar das Leben mit Sinn erfüllen sollte. Waren sie zu zweit, lästerten sie jeweils über die nicht anwesende Dritte; dass über mich wahrscheinlich ebenso gelästert wurde, blendete ich einfach aus. Aber als mir angeboten wurde, meine Stundenzahl deutlich zu erhöhen, lehnte ich vor allem deswegen ab, weil ich in und mit diesem Team nicht noch mehr Zeit verbringen wollte.
Wenn Doktor P. nichts anderes zu tun hatte, schlurfte er wie ein Teenager, dessen Oma sich aufregen würde, dass der Junge die Füße nicht vom Boden bekommt, durch die Räume, beobachtete durch die Bullaugenfenster der OP-Türen, was dahinter vor sich ging, oder stellte sich an die Rezeption, hinter mich und die Auszubildende aus seinem Team, die dort auch immer saß. Für die wenigen Lücken im Tag hatte ich immer ein Buch dabei, und einmal nahm Doktor P. es ohne zu fragen in die Hand, schaute auf den Titel („Rot und Schwarz“ von Stendhal) und warf mir über seinen Brillenrand hinweg einen fragenden Blick zu, fragte aber nichts. Wir haben nie viel miteinander geredet, waren uns aber sympathisch, er mir mit seiner jungenhaften Art, und ich ihm, ja, wie habe ich wohl auf ihn gewirkt. „Soll ich sonst noch irgendwas beachten?“, fragten ihn seine Patienten manchmal, eine letzte Frage, gestellt vorne an der Rezeption. „Rauchen Sie?“, fragte Doktor P. dann jeweils. „Ja? Dann hören Sie auf zu rauchen.“

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