Samstag, 28. Mai 2016

Viel Spaß, sagt der Kellner

, als er uns den Kuchen aufs Tischchen stellt, Cheesecake für S., Brownie für mich, wir sitzen draußen, es ist wärmer als ich dachte, ich ziehe meine Jacke aus und an dem Tag nicht wieder an. Wir sprechen über Medikamente in Einmaldosis, die uns, obwohl wir uns in verschiedenen Fällen schon von ihrer Wirksamkeit überzeugen konnten, verdächtig vorkommen, es sollten doch bitte immer drei Tabletten sein, sage ich, damit man das Gefühl hat, an drei Tagen aktiv was gegen seine Krankheit zu tun, es können ja Placebos dabei sein, wäre mir egal. Dann überlegen wir, wann wir uns das nächste Mal sehen, ob ich S. besuchen könnte, noch bevor sie im Juli wieder einmal herkommt, wir schauen auf den Platz vor uns, auf die Bäume Autos Fahrradfahrer und ich habe ein spezifisches Berlin-Gefühl, das mich inzwischen nur noch sehr selten überkommt, nämlich wenn ein Moment die Erinnerung daran weckt, wie ich es mir mal vorgestellt hatte, hier zu leben, in der schönen, schrecklichen Hauptstadt. Neben S. in einem Café zu sitzen und über dies und das zu reden, unaufgeregt, eine Insel der Vertrautheit in all der weitgehenden Anonymität, die Berlin einem schenkt, das trifft es schon relativ gut.
Viel Spaß damit, das hat der Typ im Handyladen eben gesagt, erzählt S., und der Kellner wünscht uns zum Abschied erneut: Viel Spaß noch, mit einem strahlenden Lächeln, das wir so aus Prinzip nicht erwidern, es ist ein Grad an Freundlichkeit, sage ich im Weitergehen, der schon wieder misstrauisch macht. Musst du zufällig zum Baumarkt?, fragt S., und ich sage: Ja, zufällig schon, tatsächlich will ich mir Holz zuschneiden lassen, um damit die Spüle zu verkleiden. Beim Zuschnitt muss man eine Nummer ziehen, ich habe die 68, angezeigt wird die 62, S. macht sich auf in die unendlichen Weiten zwischen den Regalreihen, um einen Schraubenzieher und Porzellankleber zu suchen, nach ein paar Minuten drückt mir ein Typ die 66 in die Hand, das dauert mir hier zu lange, sagt er, und als S. zurückkommt, beschließe ich, dass auch mir das zu lange dauert.
Und was machst du jetzt?, fragen wir uns, als wir wieder draußen stehen, ich weiß, dass meine Nachbarn heute im Hof grillen, aber habe ich da jetzt schon Lust drauf? Eigentlich nicht, eigentlich will ich lieber noch ein bisschen mit S. durch die Straßen gehen, in eine Boutique, vor deren Eingang aus Vintagekleidern zurechtgenähte Hipster-Kleider hängen („Los modernos“, sagte M. neulich zu ihrem Vater, um ihm das Wort Hipster zu übersetzen, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Zukunft nur noch von „den Modernen“ zu sprechen). Wir schauen uns die Kleider erst genauer an, als wir den Laden nach einer kurzen Runde wieder verlassen haben, eigentlich ganz schön, sagt S., ja eigentlich, sage ich, und der Verkäufer, der sich von hinten an uns herangeschlichen hat, fragt: Wieso denn nur eigentlich?, er mustert uns und fragt: Mal im Ernst, warum solltet ihr nicht solche Kleider tragen?, was mir schmierig vorkommt, denn wenn er uns auch nur einmal kurz angeschaut hat, kann sich das unmöglich beziehen auf: ihr mit eurem Style, sondern bloß auf: ihr mit euren Körpern.
Aber sieh mal, sage ich im Weitergehen zu S., die Leute sehen viel mehr Potenzial in uns als wir selbst, die denken, wir könnten in Vintagekleidern durch die Welt tänzeln, die denken, wir würden viel Spaß haben. Ich könnte, sage ich dann, hier im Eisladen arbeiten, tatsächlich ist da ein Aushang, Aushilfe gesucht, und S. wirft mir erst einen Seitenblick zu, ob ich das wohl ernst meine, ich sage: Wo ich doch sonst grad nix mit mir anzufangen weiß, und sie sagt: Ja, warum nicht. Kurz stelle ich es mir sehr wunderbar vor, an Sommertagen hinter dem Tresen zu stehen und Hörnchen, Waffeln sagt man hier, mit Vanille, Pistazie, salzigem Karamell in die Hände anderer Menschen zu drücken, dann sind wir schon in der nächsten Boutique, wo ich mir neue Sandalen kaufe und S. sich ein Jäckchen, die beiden etwas verspulten Verkäuferinnen scheinen uns durchaus sympathisch zu finden, dabei hat S. vorhin noch erzählt, sie wäre in dem Laden früher auch schon mal schief angeschaut worden.
Aber inzwischen sind wir wahrscheinlich viel mehr so die Zielgruppe, sagt sie, als wir wieder draußen stehen, und ich sage: Klar, sowieso, wir sind jetzt Mitte dreißig, im besten Konsumentinnenalter, zumindest von außen betrachtet kein Vergleich zu den armen Studentinnen, die wir waren, als wir uns kennen gelernt haben vor zehn Jahren, neulich habe ich ein Foto gefunden von uns, von damals, wir waren Babys, sagte S., als ich es ihr zeigte, wir waren melancholische Babys, wir hatten ja keine Ahnung und wussten doch alles, alles so viel besser als heute. Zum Abschied umarmen wir uns, wir sagen: Bis bald, als wäre dieses Bald schon morgen oder übermorgen, und für eine Sekunde fällt es mir leicht zu vergessen, dass es so nicht ist.

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