Dienstag, 4. Juli 2017

Schieflage

Im Baum vor dem Fenster haben zwei Tauben sich ein Nest gebaut. Tauben. Diese Tiere, die in lebenslanger Monogamie leben, was auch klingt wie eine Freiheitsstrafe – die, zu der wir alle verurteilt werden wollen. Oder nicht? Nach dem Nestbau sind die Tauben weggeflogen. Ein Eichhörnchen entdeckte das Nest, legte sich ab und zu hinein, wenn die Sonne schien, und chillte. Hörte Hiphop über seine kleinen Eichhörnchen-Kopfhörer, wippte ab und zu mal mit dem Fuß. Doch die Tauben kehrten zurück. Seit ein paar Wochen sitzen sie abwechselnd im Nest und brüten. Nicht, dass ich sie auseinanderhalten könnte. Dass sie abwechselnd brüten, hab ich auch nur im Internet gelesen.

Durch den Regen in der letzten Woche – ein Jahrhundertregen war das, ein Drittel der Wassermenge, die sonst in einem Jahr fällt, kam innerhalb von 36 Stunden vom Himmel, „und das an meinem Geburtstag!“, war ich versucht zu seufzen, wie die Eistänzerin, die ich früher gerne gewesen wäre, („die tat mir damals so leid“, der einzige Kommentar unter dem Video, ach Menschheit) – ist das Nest in Schieflage geraten.

Die Taube, auf ihren Eiern sitzend, versuchte, es zu richten, pickte hier mal nach einem Ast, um ihn neu festzustecken, ruckelte im Nest hin und her, um den Schwerpunkt zurück zu verlagern. Ergebnislos.

Es fiel mir nicht schwer, alle menschlichen Gefühle auf diese Situation zu projizieren. Ja, so sitzt man eben da, wenn was plötzlich in Schieflage geraten ist. Man versucht, das Ganze wieder zu richten, so unbeholfen und dumm, dass es allen, die es mitansehen müssen, wehtut. Aber man kann ja nicht einfach davonfliegen. Dafür hat man das Nest nicht gebaut, die Eier nicht gelegt. Man wird stur sitzen bleiben und aufs Beste hoffen, und wenn der nächste Windstoß einen samt Gelege doch vom Baum fegt, dann, ja dann wird man halt weiterschauen müssen.

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